Jeden Morgen finden sich Geisterboote an den Stränden

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Fr, 13. Oktober 2017

Ausland

Die Zahl der Tunesier, die übers Mittelmeer nach Italien kommen, steigt / Die meisten von ihnen verschwinden spurlos / Viele haben in ihrer Heimat keine Perspektive.

Die Bewohner auf Sizilien nennen sie Geisterboote. Fast jeden morgen finden sich an den Stränden neue Kähne, deren Insassen bei Nacht heimlich an Land geschlichen sind. Die allermeisten sind Tunesier. Nur ein Bruchteil von ihnen lässt sich offiziell registrieren, weil sie in Europa keine Chancen auf Asyl haben. Die meisten dagegen tauchen sofort unter und versuchen sich als Illegale durchzuschlagen.

Unter diesen Verschwundenen aber könnten, so befürchten die italienischen Behörden, auch tunesische Rückkehrer der Terrormiliz Islamischer Staat sein sowie Straftäter und abgelehnte Asylbewerber, die zuvor unter großem bürokratischem Aufwand aus Europa abgeschoben worden waren. Auf Sizilien griff die Polizei kürzlich Tunesier auf, die daheim per Amnestie aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Vor allem das macht die neue Ausreisewelle aus dem kleinen, kaum 200 Kilometer entfernten Mittelmeeranrainer, die vor rund sechs Wochen begann, so brisant. Beim Nachbarn Libyen dagegen gehen in jüngster Zeit deutlich weniger Migranten auf die Boote, weil Milizen in Sabratha, die der Zentralregierung in Tripolis gehorchen, gegen die Schmuggelbanden vorgehen. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Überfahrten nach Italien um 25 Prozent zurück, bilanzierte diese Woche die Internationale Organisation für Migration (IOM). Kamen bis Mitte Oktober 2016 noch 144 400 Migranten, waren es im gleichen Zeitraum 2017 nur noch etwa 107 000.

Dafür steigen nun die Überfahrten an anderen Stellen des Mittelmeers – vor allem von Tunesien und von Marokko aus. Die Zahl der Neuankömmlinge in Spanien verdoppelte sich in den vergangenen neun Monaten im Vergleich zum Vorjahr von 5400 auf über 12 300. Parallel dazu stiegen im September die Überfahrten von Tunesien nach Sizilien und Lampedusa sprunghaft an. Nach Angaben des IOM-Sprechers in Rom, Flavio Di Giacomo, pendelte die Zahl der tunesischen Migranten in den vergangenen drei Jahren stets zwischen 900 und 1600. So auch von Januar bis August 2017, als rund 1350 kamen. Im September jedoch wendete sich das Blatt. Mit einem Schlag ließen sich 1400 Tunesier in Italien registrieren. Einer beträchtlich höheren Zahl gelang es, sich der Polizei zu entziehen. So zeigt ein Strandvideo auf Sizilien, wie früh am Morgen etwa 50 Schiffsinsassen im Eiltempo an Land waten. 30 Minuten später sind alle Menschen spurlos verschwunden.

Das sei ein neuer Trend, der jedoch nichts mit der "blockierten" Lage in Libyen zu tun habe, "weil die Nationalitäten andere sind", erklärte Di Giacomo. Denn in den Tunesien-Kuttern sitzen keine Schwarzen aus Westafrika, die nach Alternativen zur Libyen-Route suchen, sondern Einheimische aus der Wiege des Arabischen Frühlings, die ihrer Wirtschaftsmisere entkommen wollen. Die politische Führung Tunesiens schweigt sich über die Dimensionen dieser neuen Migration bisher aus. Sie fürchtet, ein signifikanter Anstieg des Menschenschmuggels vom eigenen Territorium aus könnte die internationalen Geldgeber verärgern, die mit ihren Krediten das strauchelnde Land bisher auf den Beinen halten.

Nur die Festnahmen durch die Küstenwache wurden bisher bekannt gegeben, die ebenfalls in die Höhe schnellen. Seit Jahresbeginn verhafteten die Beamten 1650 Tunesier in Küstennähe, zwei Drittel von ihnen alleine im August und September. Wie das Tunesische Forum für ökonomische und soziale Rechte (FTDES) ermittelte, riskieren derzeit vor allem junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren die Überfahrt, die meisten ohne Ausbildung, ohne Arbeit und ohne Perspektive. Aber auch viele Tunesierinnen wollen laut einer Umfrage des Forums nichts wie weg aus ihrem Heimatland. Mehr als 40 Prozent gaben an, sie würden am liebsten nach Europa fliehen.