20. März 2009

Wiegenlied am Susquehanna

Ganz hinten in der Ecke, unter dem Plakat für ein Autorennen auf einem kleinen Regal, steht im Büro von Robert Reid leicht angestaubt ein altmodischer Metallkasten. Das Ding sieht aus wie ein Transistorradio und knattert auch so. Alle paar Sekunden zuckt die Nadel. Dann knistert es kurz aus dem Lautsprecher.

Der Geigerzähler im Büro des Bürgermeisters von Middletown gehört zu den wenigen Dingen, die in der kleinen Stadt im Herzen Pennsylvanias noch an den 28. März 1979 erinnern, jenen Tag vor 30 Jahren, an dem sich unten am Susquehanna-Fluss der bis heute schwerste Unfall in einem westlichen Atomkraftwerk ereignet hat. "Lange her", nuschelt Robert Reid und nickt dazu. Auf seinem Terminkalender ist der 28. März heute ein weißer Fleck. Auch in Middletown ist das Jubiläum fast ein Tag wie jeder andere.

  Robert Reid aber wird den 28. März 1979 wohl nie vergessen. Morgens um halb acht steht der Geschichtslehrer Reid, im Ehrenamt zugleich Bürgermeister der Stadt, vor seiner Klasse, als es an der Tür klopft: Ein Anruf, es habe da im Atommeiler unten am Fluss einen Zwischenfall gegeben. Genaues ist nicht zu erfahren. Also geht Reid in sein Bürgermeisterbüro und schaltet den Fernseher ein.

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Keine drei Kilometer vor der Stadt, weiß er, liegt auf Three Mile Island wie ein gewaltiger Dampfer das nagelneue Kraftwerk im Fluss. Viele hier sind stolz auf den Meiler: "Ein Atomkraftwerk", erinnert sich Robert Reid, "war damals ja etwas ganz Modernes, wie heute das Internet. Und wir hatten eins!"

Jetzt aber zappt der Bürgermeister nervös von einem Kanal zum nächsten. Der Unfall sei harmlos, hört er, es sei keine Strahlung entwichen. Dann ist von kleinen Mengen Radioaktivität die Rede, von einem schweren Störfall, von Verletzten. Robert Reid beschleicht ein ungutes Gefühl. Was ist zu tun? Die Stadt räumen? Abwarten? Wie knapp man an diesem Tag an einem amerikanischen Tschernobyl vorbeigeschrammt ist, wird auch Bürgermeister Reid erst später klar. Zwei Tage nach dem Unfall soll er plötzlich Kleinkinder und schwangere Frauen aus der Stadt bringen. Er steht an einer Straßenkreuzung und sieht zu, wie seine Stadt die Flucht ergreift. Alle wollen nur weg. Den offiziellen Beschwichtigungen glaubt damals niemand mehr.

Auch Tom Kauffman erinnert sich an eine aufregende, hektische Zeit. Kurz vor halb sieben war der junge Nuklearingenieur, damals 25 Jahre alt, am Unglückstag zur Arbeit erschienen. "Ich habe sofort gemerkt, dass etwas Ernsthaftes passiert ist", erinnert er sich. Es gebe da ein Problem mit Reaktor Nummer zwei, mehr erfährt auch Kauffman zunächst nicht. Im Kontrollraum versucht die Nachtschicht noch immer fieberhaft, die verwirrenden Vorgänge im überhitzten Meiler zu verstehen. Messinstrumente sind ausgefallen, der Reaktorkern ist demoliert, ein Teil der Brennelemente geschmolzen. Eine erste Wasserstoffexplosion ist durch den vier Meter dicken Betonmantel bis in den Kontrollraum zu spüren. Erst im letzten Moment gelingt es, durch das Einfahren der Bremsstäbe den Reaktor auszuschalten und Kernschmelze und GAU zu verhindern.

Robert Reid Foto: Ostermann



Die Ursachen der Beinahekatastrophe sind zahlreich? Die Ingenieure ahnen nicht, dass der Kühlkreislauf unterbrochen ist, die Anzeigetafel sagt etwas anderes. Zwei Kreisläufe sind bei Reparaturarbeiten falsch verbunden worden. Ein Ventil, das geschlossen sein müsste, klemmt. Es ist eine Kettenreaktion aus Konstruktionsmängeln, technischen Pannen und Bedienungsfehlern, die sich summiert und das stolze Kraftwerksschiff im Susquehanna-Fluss an diesem Morgen beinahe in die Luft jagt. "Sie haben damals geglaubt, es könne nichts schiefgehen", sagt Tom Kauffman über seine stolze Zunft, "es war für alle ein gewaltiger Weckruf."

Auch 30 Jahre später freilich sind in den USA die Lehren aus dem "Störfall" auf Three Mile Island umstritten. Tom Kauffman hat seinen Glauben an die atomare Zukunft nie verloren. Er arbeitet heute beim Nuclear Energy Institute, dem Lobbyarm der Atombranche in Washington. Ein Unfall wie damals, glaubt er, könne heute nicht passieren: "Wir haben unsere Lektion gelernt. Sicherheit ist jetzt das oberste Gebot." Kauffman rattert Statistiken herunter – zum Beispiel, dass es gefährlicher sei, in einem Supermarkt zu arbeiten als in einem AKW. Als käme es darauf an. Und er hält Umfragen parat, wonach die lange skeptischen Menschen im Land heute mehrheitlich wieder für Atomkraft sind. Die Leute, sagt Kauffman, hätten einfach gesehen, dass Atomkraftwerke heute viel zuverlässiger seien.

Dann ist da noch das neue Image: Die Branche präsentiert sich heute in den USA gern als patriotisch, grün und klimafreundlich – weil in Atommeilern keine Treibhausgase freigesetzt werden. Und weil man für Nuklearstrom keine Kriege führen muss wie um das Öl.

Schon seit George W. Bush die Atomkraft vor acht Jahren zu einem wesentlichen Pfeiler seiner Energiepolitik machte, hofft die Nuklearindustrie auf einen zweiten Frühling. Schon bald, prophezeit Lobbyist Kauffman, würden auch wieder neue Meiler in den USA gebaut. Es wären die ersten seit dem Unfall auf Three Mile Island. Genehmigungsverfahren für Meiler der dritten Generation laufen, 17 Unternehmen haben Bauanträge gestellt. "Vier bis acht Kraftwerke", sagt Kauffman, "werden ab 2016 ans Netz gehen." Derzeit liefern die 104 Reaktoren im Land 20 Prozent des US-Stroms.

"Die träumen", winkt Eric Epstein ab, "wenn sie unter Bush kein Atomkraftwerk bauen konnten, werden sie es unter Barack Obama auch nicht können." Epstein ist Chef der atomkritischen Gruppe "Three Mile Island Alert", dem Überrest der einst stattlichen Protestgemeinde in der Region. Aus Anlass des Unfalljubiläums sollte Epstein heute eigentlich im nahen Harrisburg mit einem Industrievertreter über die Zukunft der Atomindustrie debattieren. Die Branche aber hat keinen Vertreter geschickt. So streitet Epstein mit dem konservativen Atomkritiker Jerry Taylor vom libertären Cato Institut nur über die Gründe, warum es aus ihrer Sicht die viel beschworene "Atom-Renaissance" in den USA nicht geben werde.

Ohne massive Subventionen sei Atomstrom schlicht nicht konkurrenzfähig, glaubt der Marktradikale Taylor. Kein Investor, der bei Trost sei, werde mit den hohen Baukosten von sechs bis neun Milliarden Dollar pro Kraftwerk ins Risiko gehen, um neue Meiler zu errichten, sagt Epstein: "Sie verweisen auf Umfragen, wonach Atomkraft ach so beliebt sei. Aber fragen sie die Leute mal, ob die einen Reaktor vor der Haustür wollen." Neue Standorte, ist Epstein überzeugt, ließen sich auch 30 Jahre nach dem "Störfall" im Susquehanna-Fluss in den USA schlicht nicht durchsetzen.

Was sich abzeichnet, ist für den Atomkritiker vielmehr eine Fortsetzung des Status quo: Keine neuen AKW, kein massiver Ausbau der Kernkraft – aber routinemäßige Laufzeitverlängerungen für alle 104 Reaktoren im Land. "Unsere Nuklearbehörde würde sogar der Hindenburg eine Lizenz ausstellen, Kinder nach Disneyland zu fliegen", spottet Epstein über die in den Bush-Jahren laxe Atomaufsicht. Seine Organisation hat vergeblich protestiert, als die nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vor der Brücke nach Three Mile Island aufmarschierten bewaffneten Wachmänner wieder abzogen.

Heute kann jeder unbehelligt auf die Insel fahren. Nur klobige Betonsperren grenzen den Parkplatz von den noch aktiven Kühltürmen des verbliebenen Reaktors ab.   Großen Wandel verspricht sich Epstein auch vom neuen Präsidenten nicht. Den Bau des umstrittenen Endlagers Yucca Mountain hat Barack Obama zwar gestoppt. Doch der Demokrat gilt nicht als Atomgegner, im Wahlkampf hielt er sich bei dem Thema stets bedeckt: "Obama kommt aus Illinois, der Heimat vieler Atombetreiber", sagt auch Jerry Taylor, "als Senator hat er nie gegen ihre Interessen gestimmt." Bestenfalls werde er die Industrie nicht mehr päppeln wie Bush. Priorität hätten unter Obama jetzt alternative Energien wie Wind und Solar.

"Verdammt lange her", lächelt Robert Reid in seinem Büro und lauscht versonnen auf das Knattern seines Geigerzählers. Vor 30 Jahren hatte er Angst, dass Middletown zur Geisterstadt wird. Dass die Menschen nicht zurückkommen, aus Furcht vor den Strahlen, vor der unsichtbaren Gefahr draußen auf dem Fluss. Doch die Menschen kamen zurück. Viele in Middletown denken heute nicht mal mehr an die Tage der Angst.

Anders Robert Reid. "Kommen Sie mit", sagt der Bürgermeister und steigt eine knarrende Treppe hoch. Im zweiten Stock hat Reid ein Katastrophenzentrum eingerichtet, das einer Großstadt Ehre machen würde. An der Wand hängen Evakuierungspläne. Auf zwei Bildschirme flimmern CNN und der Wetterkanal. Davor sitzt Tom Foreman, ein Feuerwehrmann mit Kugelbauch, Funkgerät und Laptop griffbereit. Falls wieder ein Anruf kommt hinten von der Insel, will Robert Reid auf alles vorbereitet sein.  

Autor: Dietmar Ostermann



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