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28. Mai 2010 10:36 Uhr

Missbrauchsskandal

Nichts sehen, nichts sagen: Die Exzesse der Jesuiten

Der Bericht zum Missbrauch bei den Jesuiten zeigt, dass der Orden die Fälle systematisch vertuscht hat - und welche Exzesse sich die Täter leisteten. Auch im Kolleg St. Blasien.

  1. Ursula Raue, Missbrauchs-Beauftragte der Jesuiten, und Pater Stefan Dartmann, Provinzial der deutschen Provinz des Jesuitenordens, bei der Vorstellung des Untersuchungsberichts. Foto: dpa

FREIBURG/MÜNCHEN. Erst war von Einzelfällen die Rede, dann meldeten sich immer mehr Opfer. Seit Donnerstag ist klar: Der Jesuitenorden hat über Jahrzehnte sexuelle und körperliche Gewalt gegen Kinder an seinen Schulen vertuscht. Pädophile und sadistische Patres wurden von den Oberen gedeckt und stillschweigend versetzt. "Man hat dafür gesorgt, dass sie verschoben wurden", sagte Ursula Raue, die Opferbeauftragte des Ordens, bei der Vorstellung ihres Berichts in München.

Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Dieses Prinzip galt viele Jahre im Orden und an den betroffenen Schulen. So wurde der Jesuitenpater und Lehrer Wolfgang S. von Berlin nach Hamburg, von Hamburg nach St. Blasien, von St. Blasien nach Mexiko und Chile versetzt, obwohl sein Hang zum Sadismus bekannt war. Nach jeder Versetzung wiederholten sich die Taten. Dabei hatte Wolfgang S. selbst immer wieder auf seine Probleme hingewiesen. Die Antwort der Oberen sei aber lange Zeit gewesen, auf die Gnade Gottes zu vertrauen. 49 Opfer von Wolfgang S., der von den Schülern "Pavian" genannt wurde, meldeten sich bei Ursula Raue. Zwölf davon besuchten das Kolleg in St. Blasien.

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"Furchtbare Schlageorgien"

"Von 1957 bis 1990 habe ich in etlichen hundert Fällen Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechts unter Entblößung des Gesäßes geschlagen, was von fast schmerzlosen symbolischen Bestrafungen bis hin zu furchtbaren Schlageorgien gehen konnte", wird Wolfgang S. in dem 26 Seiten starken Abschlussbericht zitiert. Die Prügelorgien wurden oft mit guten Noten vergolten.

Viele Opfer hätten diese Schläge bis heute nicht vergessen können, berichtete Ursula Raue. "Heute über 70-jährige Männer erzählten, wie sehr die harten körperlichen Strafen und teilweise brutalen sexuellen Aggressionen in den fünfziger und sechziger Jahren ihr Leben verdunkelt und schwer gemacht haben."

Viele Opfer leiden bis heute an Misshandlungen

Zu den Tätern in St. Blasien gehört auch Winfried H. Sechs Opfer gaben an, sie hätten vor ihm onanieren, sich bei ihm auf den Schoss setzten und ihn anfassen müssen. Winfried H. habe die Schüler nachts aus dem Schlafsaal geholt, um ein Gedicht oder Vokabeln zu lernen. Danach wurden sie – zum Teil mit dem Rohrstock – geschlagen und dann umarmt, während der Pater eine Erektion hatte. Seine Opfer verpflichtete er zum Schweigen. Bei der Rechtsanwältin gingen weitere 17 Hinweise ein, die auf Machtmissbrauch und Züchtigungen in St. Blasien in den 50er und 60 er Jahren hinweisen. Ursula Raue glaubt, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch weit größer ist: "Wir können nicht davon ausgehen, dass wir bisher alles gehört haben. Im Gegenteil."

Die Verantwortlichen sind ratlos

Wie konnte dies geschehen? Diese Frage treibt auch die heute Verantwortlichen um. "Im Namen des Ordens anerkenne ich mit Scham die Schuld und das Versagen des Ordens", sagte Provinzial Stefan Dartmann bei der Vorstellung des Berichts. Er entschuldigte sich bei den Opfern und räumte ein, dass die Aufklärung nur langsam anlief: Die Jesuiten seien dem Drängen der Opfer nicht immer so schnell nachgekommen, wie diese das gefordert haben. "Als Provinzial erwarte ich, dass die Mitbrüder, die damals in Verantwortung standen, Stellung zu den nun vorliegenden Fakten beziehen."

Dartmann sagte, er sei bereit, jedes Opfer persönlich um Entschuldigung zu bitten. Finanzielle Entschädigung will er aber nicht zahlen, solange der Runde Tisch der Bundesregierung keine Empfehlung dazu ausgesprochen hat.

Auch am Kolleg in St. Blasien ist die Aufarbeitung im Gang. "Eine Eiterbeule ist geplatzt, und die stinkt nun mal", sagte Kollegsdirektor Pater Siebner. Ihn ärgert, dass selbst nach Monaten viele der damals Verantwortlichen noch immer zu den Vorwürfen schweigen.



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Autor: Petra Kistler