"Epilepsie als Konstruktionsprinzip"

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Sa, 06. Oktober 2018

Bildung & Wissen

Das aktuelle Heft der Freiburger Universitätsblätter mit Neuem zu Berlioz’ Symphonie fantastique.

Dem Autor des Programmheftbeitrages zum Konzert des Orchestre révolutionnaire et romantique unter John Eliot Gardiner zum Auftakt der noch jungen Saison in der Hamburger Elbphilharmonie waren es mehr als eine Erwähnung wert: die Forschungsergebnisse des Freiburger Musikwissenschaftlers Christian Berger und des Neurologen Dirk-Matthias Altenmüller über Hector Berlioz. "Fixe Idee? Hector Berlioz litt erwiesenermaßen an Epilepsie. Floss die Krankheit in seine ‚Symphonie fantastique‘ ein?"

Erschienen ist die gemeinsame Abhandlung über die "wohl nachhaltigste Irreführung der Musikgeschichte" – nämlich das Programm der Symphonie fantastique – im aktuellen Band der Freiburger Universitätsblätter, Heft 220. Dieser ist ein beredtes Zeugnis einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit kulturwissenschaftlicher Zielsetzung. Fast alle Aufsätze setzen sich mit diesem berühmten sinfonischen Werk und dessen Kontext auseinander. Nucleus des Projekts war eine Zusammenarbeit des musikwissenschaftlichen Seminars mit dem Akademischen Orchester, das im vergangenen Wintersemester Berlioz’ Meisterwerk zur Aufführung brachte. Die Programmheftartikel, verfasst von Studierenden, sind in diese Ausgabe der Universitätsblätter mit eingeflossen. Der Ordinarius des Instituts Christian Berger gehört zu den namhaften Berlioz-Experten: Unter seiner Betreuung sind sehr gut lesbare, allgemeinverständliche und dennoch wissenschaftlich versierte Analysen gelungen, von denen auch interessierte Laien profitieren können. Am meisten Zündstoff freilich birgt Bergers und Altenmüllers interdisziplinäre Forschungsstudie über Berlioz’ Epilepsiekrankheit in sich: Vor deren Hintergrund muss die Symphonie fantastique, die in ihren fünf Sätzen vorgibt, romantisch-fantastische Episoden aus einem Künstlerleben zu beschreiben, "als persönliche Krankengeschichte interpretiert werden". "Epilepsie als Konstruktionsprinzip" lautet die Conclusio der beiden Autoren für dieses Meisterwerk.

Zu solch bemerkenswerten Forschungsergebnissen will freilich nicht so recht passen, dass das Heft, in dem sie veröffentlicht werden, nach derzeitigem Stand das voraussichtlich drittletzte in der 57-jährigen Geschichte der Freiburger Universitätsblätter sein wird. Die Kündigung des seit 1962 bestehenden Vertrages mit dem Rombach Verlag durch das Rektorat liegt vor. Mit der Begründung, so zitiert Schriftleiter Günter Schnitzler, die Freiburger Universitätsblätter seien "im Zeitalter zunehmender Digitalisierung" nicht mehr zeitgemäß. Ob und wie eine "mögliche zeitgemäße Weiterführung" denkbar sei – dazu gibt es derzeit keine Angaben. Schnitzler will nichts unversucht lassen, um den von keinem geringeren als Arnold Bergstraesser begründeten Freiburger Universitätsblättern dennoch eine Zukunft über das Jahresende hinaus zu ermöglichen. Zumal die Herstellungskosten nicht das Problem sein dürften. Finanziert wurde die Publikation bislang durch Heftkauf vom Verband der Freunde der Universität Freiburg, den Alumni Freiburg, der Wissenschaftlichen Gesellschaft Freiburg sowie durch Spenden des Verlegers. Die Universität selbst zahlte nichts.

Freiburger Universitätsblätter, Herausgegeben im Auftrag des Rektors der Albert-Ludwigs-Universität. Heft 220, 57. Jahrgang. Rombach Verlag, Freiburg 2018, 104 Seiten, 8 Euro. (Erhältlich beim Verlag).