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04. Oktober 2011

Interview

Reproduktionsmedizin: "Schwanger zu werden, braucht Zeit"

Der Reproduktionsmediziner Hans-Peter Zahradnik über den menschlichen Kinderwunsch, seine Folgen und die Geschichte und Zukunft eines umstrittenen medizinischen Fachs.

  1. Hans-Peter Zahradnik Foto: promo

  2. Wunder im Reagenzglas: Bilder der Entwicklung eines durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryos Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Selbst 30 Jahre nach der Geburt des ersten, per künstlicher Befruchtung gezeugten Babys hat die Gesellschaft ein gespaltenes Verhältnis zu ihren Reproduktionsmedizinern. Vielen Paaren gelten sie als Retter in der kinderlosen Not, anderen als Hallodris, die eine medizinisch-ethische Grenze nach der anderen einreißen. Erst vor kurzem stritt sich der Bundestag, ob man den Reproduktionsmedizinern erlauben solle, mit Hilfe der PID im Reagenzglas die Gene des Embryos zu durchleuchten. Hans-Peter Zahradnik war 30 Jahre lang Reproduktionsmediziner und Endokrinologe. Zuletzt leitete er den entsprechenden Fachbereich in der Uniklinik Freiburg. Anlässlich seines Eintritts in den Ruhestand sprach Michael Brendler mit ihm über die Geschichte und Zukunft seines umstrittenen Faches.

BZ: Herr Professor Zahradnik, 1978 wurde Louise Brown geboren, das erste Kind nach einer künstlichen Befruchtung, im selben Jahr machten Sie Ihren Facharzt. Schaut man als Reproduktionsmediziner nach so vielen Jahren manchmal staunend zurück und wundert sich, was die eigene Zunft so geleistet hat?

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Zahradnik: Teils ja, teils nein. Denn man darf nicht vergessen, die wesentlichen Fortschritte in der Reproduktionsmedizin wurden schon vor 1978 gemacht. Dennoch war noch viel Arbeit notwendig, um das Verfahren wirklich zuverlässig zu machen. Heute werden in einem Land wie Deutschland jedes Jahr fast 10 000 Kinder per künstlicher Befruchtung gezeugt – damit dies möglich war, mussten die Kollegen in den letzten 30 Jahren noch eine ganze Reihe medizinischer Hindernisse aus dem Weg räumen.

"Ein Kind zu bekommen, ist ein Grundbedürfnis."
BZ: Welche waren das?
Zahradnik: In der Anfangsphase war es zum Beispiel ein Riesenproblem, Inkubationsmedien zu entwickeln, die eine Befruchtung außerhalb des Körpers mit akzeptablen Wahrscheinlichkeiten erlaubten. Wenn Eizellen und Samenzellen zusammenkommen, geht das ja nicht im luftleeren Raum, es funktioniert nur in einer entsprechenden, speziell zusammengemischten Flüssigkeit. Der nächste entscheidende Durchbruch war die Entnahme der Eizellen per Nadel durch die Scheide unter Ultraschallkontrolle – vorher war dafür eine Schlüssellochoperation durch die Bauchdecke notwendig. Und schließlich galt es, für die Vorbereitung der Frauen auf diese Entnahme die entsprechenden Medikamentationsschemata zu entwickeln. Denn erst nachdem man wusste, zu welchem Zeitpunkt und in welcher Dosis man die entsprechenden Hormonpräparate einsetzen musste, konnte man darauf vertrauen, dass genug Eizellen für die Punktion im weiblichen Eierstock heranreiften, ohne dass dort durch eine Überstimulation viele Zysten heranwuchsen.

BZ: Für einen Frauenarzt müssen diese Entdeckungen doch ein Riesenfortschritt gewesen sein. Früher konnten Sie sich die Leiden der verzweifelten Frauen mit vergeblichem Kinderwunsch nur anhören, nach Louise Brown und der Entdeckung der In-vitro-Fertilisation, der IVF, hatten Sie endlich auch die Möglichkeit, ihnen zu helfen?
Zahradnik: Sie haben recht, wir sind nicht im gleichen Umfang wie früher auf Operationen angewiesen. Aber wir hatten auch vor der Geburt von Louise Brown schon Möglichkeiten, den Frauen zu helfen. Die IVF ist in der Reproduktionsmedizin eigentlich nur das letzte Mittel, das zum Einsatz kommt, wenn man mit den anderen Verfahren nicht weiterkommt. Vielen Frauen kann schon mit einer guten Beratung geholfen werden. Bei 10-15 Prozent der Paare, die keine Kinder bekommen, ist das Problem eine funktionelle Störung des Eierstocks, die auch heute noch in erster Linie medikamentös behandelt wird. In zehn Prozent der Fälle ist die Ursache unklar – häufig spielen hier aber psychische Faktoren eine Rolle. In 35 Prozent der Fälle liegt die Ursache der Kinderlosigkeit beim Mann, ein paar Prozent verteilen sich auf diverse seltenere Gründe.

BZ: Und wann kommt die IVF ins Spiel?
Zahradnik: Die In-vitro-Fertilisation hat ihr Haupteinsatzgebiet bei den 35 Prozent kinderlosen Paaren, bei denen pathologische, also krankhafte anatomische Veränderungen im Körper der Frau eine Schwangerschaft verhindern. Zum Beispiel wenn die Eileiter verschlossen sind, oder wenn es Verwachsungen im Bauch gibt oder eine Endometriose-Erkrankung der Grund der Kinderlosigkeit ist. Bei solchen anatomischen Problemen kann und konnte man aber auch teilweise operieren. Auch heute gilt: Die künstliche Befruchtung sollte erst in Frage kommen, wenn wir mit den anderen Methoden nicht weiterkommen.

BZ: Wenn man sich den Umgang in unserer Gesellschaft mit der IVF anguckt, hat man manchmal einen anderen Eindruck.
Zahradnik: In der Öffentlichkeit hat sich die Diskussion heutzutage ein bisschen verlagert. Viele Frauen sehen schon nach einem halben Jahr vergeblichen Versuchens keine andere Wahl mehr als eine künstliche Befruchtung. Dabei ist das eigentlich noch zu früh, um ungeduldig zu werden. Man muss sich nur überlegen, dass unter hundert gesunden Paaren, die nicht verhüten, nach drei Monaten nur jedes Dritte ein Kind erwartet. Nach sechs Monaten sind es zwei von drei Paaren und nach einem Jahr ist immer noch ungefähr jedes Fünfte kinderlos. Erst nach zwei Jahren Versuchens können über 90 Prozent der Paare mit einem Kind rechnen. Sie sehen, schwanger zu werden, braucht Zeit, da muss man sich Zeit nehmen, und diese Zeit hat der Mensch heutzutage anscheinend oft nicht mehr.

BZ: Die Reproduktionsmedizin hat nicht nur medizinische, sondern auch ethische Grenzen eingerissen. Auf welche Grenzüberschreitungen müssen wir uns in Zukunft Ihrer Meinung nach einrichten: Die Erlaubnis der Leihmutterschaft, die freie Hand zur Eizellspende, das Klonen des eigenen Wunschnachwuchses?
Zahradnik: Ob wir uns darauf einstellen müssen, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich bin allerdings dankbar dafür, dass wir im Moment ein Embryonenschutzgesetz haben, das uns davor bewahrt, hier alles machen zu können oder zu wollen, was möglich wäre. Es schützt den Mediziner vor sich selbst, aber auch vor den möglichen Ansprüchen der Patienten. Man hört als Arzt durchaus manchmal Argumente wie: "Das geht euch Mediziner doch gar nichts an. Ihr habt die Möglichkeit das zu tun, also tut es gefälligst."

BZ: Die Geschichte der Medizin vermittelt allerdings eher den Eindruck, dass sich alles, was medizinisch möglich ist und vom Patienten nachgefragt wird, auch irgendwann durchsetzt. Zunächst sind die Betroffenen in die Länder gepilgert, die großzügigere Gesetze hatten und irgendwann wurden dann auch die Deutschen großzügiger, siehe die Präimplantationsdiagnostik, die PID.
Zahradnik: Ich befürchte, dass dieser Eindruck nicht täuscht. Ich glaube auch, dass das, was machbar ist, sich auf kurz oder lang durchsetzen wird. Ob das jetzt gut ist oder nicht, ist eine andere Frage.

BZ: Ist der menschliche Wunsch nach dem eigenen Kind so groß, dass ihn kein Gesetz aufhalten kann? Zur PID reiste man bisher in die Niederlande, gespendete fremde Eizellen kaufte man in Rumänien, Leihmütter sind in Indien zu finden.
Zahradnik: Sie glauben gar nicht, was Frauen alles auf sich nehmen, um schwanger zu werden. Der Wunsch, Kinder zu bekommen, ist ein ganz fundamentaler. Dafür opfern viele Vermögen, Zeit, die Natürlichkeit – manchmal sogar die Treue in ihrer Beziehung – ein Kind zu bekommen, ist ein menschliches Grundbedürfnis.

BZ: Ute Lemper bekommt jetzt ein Kind mit 48, die älteste Mutter der Welt, eine Inderin, bekam ihr Kind mit 70, verschieben Ihre Kollegen hier nicht auch natürliche Grenzen, die man besser an Ort und Stelle lassen sollte?
Zahradnik: Wenn man die Leihmutterschaft , die bei der Inderin sicher eine Rolle spielte, einmal weglässt, sind die natürlichen Grenzen auch bei der IVF gegeben. Eine Frau wird mit einer bestimmten Anzahl von befruchtungsfähigen Eiern geboren. In der Natur der Sache liegt es, dass um das 50. Lebensjahr herum in den Eierstöcken keine befruchtungsfähigen Eizellen mehr vorhanden sind – und dann ist auch auf künstlichem Weg keine Befruchtung mehr möglich. Und bereits vorher sinken die Chancen für den Erfolg rapide. Diese Grenzen sind meiner Meinung nach an der richtigen Stelle. Auf die Möglichkeiten auf kryokonservierte, also eingefrorene Embryonen aus früheren Lebensjahren, zurückzugreifen, möchte ich jetzt nicht eingehen.

BZ: Man hat ja heute fast den Eindruck, ein Kind wird weniger als Geschenk, sondern vielmehr als Ware angesehen, die man sich zum geeigneten Zeitpunkt ins Haus bestellt. Das kann sich doch auch die Medizin kaum wünschen?
Zahradnik: Wir müssen uns davor bewahren, dass ein Kind als Ware betrachtet wird, man sollte den Begriff des Geschenks doch etwas mehr in den Vordergrund rücken. Grundsätzlich gilt: Es muss auch in der Reproduktionsmedizin ethische Grenzen geben, und diese Grenzen werden von der Gesellschaft definiert. Aber innerhalb dieser Grenzen sollte man sich auch bemühen, den Menschen in ihren Bedürfnissen entgegen zu kommen.