BZ-Serie "Geheimnisse"

Ein Paartherapeut erklärt, wann Heimlichkeiten der Liebe schaden

Sarah Beha

Von Sarah Beha

Mi, 22. August 2018 um 18:00 Uhr

Liebe & Familie

Betrug, Sucht, Glück und Unglück – in einer Beziehung kann vieles geheim gehalten werden. Nicht immer richten Geheimnisse Schaden an, sagt Therapeut Wanja Kunstleben – aber manchmal schon.

Von einer geheimnisvollen Person kann ein besonderer Reiz ausgehen. Paare, die zu viele Geheimnisse voreinander haben, können sich aber auch schaden. Der Freiburger Paartherapeut Wanja Kunstleben erklärt im Interview, welche Geheimnisse Paare voreinander haben können – und ab wann ein Geheimnis die Beziehung zerstören kann.
Wanja Kunstleben ist Psychologe und Psychotherapeut und spezialisiert auf Trauma- und Paartherapie. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt der 42-Jährige eine Praxis in Freiburg. Er hat zwei Kinder.

BZ: Herr Kunstleben, wie erkenne ich, ob mein Partner ein Geheimnis hat?
Kunstleben: Indem man die eigenen Gefühle ernst nimmt. Wenn man merkt, etwas ist nicht stimmig, dann sollte man das auch ansprechen.

BZ: Dürfen Paare Geheimnisse voreinander haben?
Kunstleben: Wer sollte ihnen das erlauben oder verbieten? Natürlich haben Paare Geheimnisse voreinander. Ob sie der Beziehung schaden, kommt auf die Geheimnisse an. Manche können die Bindung zwischen den Paaren verletzen. Bei anderen entscheidet sich die Person vielleicht ganz bewusst dafür, etwas nicht mit dem Partner oder der Partnerin zu teilen.

"Zu viel Nähe kann ein echter Lustkiller werden." Paartherapeut Wanja Kunstleben

BZ: Wieso sollte sie das tun??
Kunstleben: Weil Menschen immer noch ihre eigenen Räume brauchen. Das Beziehungsdreieck aus Meins, Deins und Unser muss gut ausbalanciert sein. Wenn es nur noch ein Unser gibt, kann das einer Beziehung ebenso schaden wie ein verletzendes Geheimnis, gerade im Bezug auf die Sexualität: Zu viel Nähe kann ein echter Lustkiller werden.

BZ: Beim Thema Geheimnisse unter Paaren denkt man zuerst an Betrug.

Kunstleben: Ja, das ist dann ein Geheimnis, das meistens sehr stark die Bindungsebene belastet. Es gibt aber noch viele andere Geheimnisse, die Partner voreinander haben können. Manchmal werden Wünsche und Bedürfnisse zurückgehalten, von denen man glaubt, dass der Partner sie ablehnen oder dass man ihn verletzen würde – nicht nur in der Sexualität. Oder es geht ganz einfach um Erlebnisse und Ereignisse, die aus ähnlichen Bedenken nicht mit dem Partner geteilt werden.

BZ: Zum Beispiel?
Kunstleben: Wenn eine Frau einen sexuellen Übergriff erlebt hat und das nicht dem Partner erzählen möchte und das so für sie stimmig ist, dann kann das funktionieren. Solange dieses Erlebnis sich nicht gravierend auf das Zusammenleben des Paares auswirkt.

BZ: Ist ein Geheimnis gleichzusetzen mit einer Lüge?
Kunstleben: Die meisten Dinge, die wir als Geheimnis bezeichnen, sind so bedeutsam, dass sich der Partner wahrscheinlich belogen fühlen würde, wenn sie rauskämen. Der Begriff kann aber auch etwas anderes bedeuten: Ein eigener Raum, in dem man nicht Rede und Antwort stehen muss. Zum Beispiel, dass man eben nicht erzählt, was man bei dem Treffen mit Freunden gesprochen hat. Dann könnte man ganz offen sagen: Das ist mein Bereich, das möchte ich dir nicht erzählen.

BZ: Das klingt nach Stress.
Kunstleben: Das erfordert vor allem eine gewisse Stärke und Selbstbewusstsein. Aber natürlich kann ein solches Verhalten in die Extreme kippen. Der eigene Raum kann auch überbetont werden.

"Sucht ist etwas sehr Gravierendes, das kann man nicht totschweigen." Paartherapeut Wanja Kunstleben
BZ: Und dann entstehen belastende Geheimnisse?
Kunstleben: Bei manchen Paaren, die das Eigene überbetonen, kann auf lange Sicht das Verbundenheitsgefühl abhandenkommen. Ist der eigene Raum etwas Heimliches, Unerlaubtes, dann ist das wie eine Hintertür, die im schlimmsten Fall irgendwann zum Haupteingang wird. Beispielsweise beim Thema Sucht: Alkoholsucht, Spielsucht, Sexsucht. Für die Betroffenen scheint es einfacher, sich zurückzuziehen und nicht über die Sucht zu sprechen. Das ist natürlich ein Geheimnis, das sich auf die Partnerschaft destruktiv auswirkt.

BZ: Solche Geheimnisse fliegen doch irgendwann auf.
Kunstleben: Oft kommt es in solchen Beziehungen zu einer Co-Abhängigkeit. Die Person weiß zwar, dass der Partner süchtig ist, und heißt das an der Oberfläche auch nicht gut. Auf der anderen Seite unterstützt sie den Partner in seiner Sucht, indem sie zum Beispiel versucht, die Sucht gegenüber Freunden oder dem Arbeitgeber geheim zu halten. Sie scheut letztlich selbst die Konsequenzen einer Auseinandersetzung mit dem Thema. Dabei hilft in solchen Fällen meist nur die direkte Konfrontation.

BZ: Das fällt Menschen in der Partnerschaft wahrscheinlich besonders schwer.
Kunstleben: Deshalb sollten sie sich ein Hilfsnetzwerk aufbauen und professionelle Hilfe holen. Sucht ist etwas sehr Gravierendes, das kann man nicht totschweigen.

BZ: Welche Geheimnisse landen noch bei Ihnen?
Kunstleben: Natürlich ist Untreue ein häufiges und sehr schmerzhaftes Thema.

"Vordergründig gibt es zunächst immer einen Täter und ein Opfer. Daraus kann sich eine Dynamik entfalten." Paartherapeut Wanja Kunstleben
BZ: Hängt Untreue meist mit sexuellem Frust in der Beziehung zusammen?
Kunstleben: Das kann ein Grund sein – dahinter steht oft die Frage, wie wir in der Beziehung mit unseren Bedürfnissen umgehen. Auch dabei scheuen Menschen oft die Konfrontation mit dem Partner. Sie sprechen ihre Unzufriedenheit nicht an und gehen den vermeintlich leichteren Weg der Untreue.


BZ: Was sind die typischen Reaktionen, wenn so ein Geheimnis auffliegt?
Kunstleben: Vordergründig gibt es zunächst immer einen Täter und ein Opfer. Daraus kann sich eine Dynamik entfalten. Es ist normal, dass der Mensch, der sich verletzt fühlt, das auch ausdrückt und sich als Opfer sieht. Aber in dieser Rolle darf man eben nicht verhaftet bleiben. Auf eine Art hat "das Opfer" durch seine Position auch eine gewisse Macht. Es steht moralisch über "dem Täter" und kann ihn immer wieder damit konfrontieren, verunsichern und schwächen. Wenn der Verletzende sich wiederum nicht mit seiner Rolle auseinandersetzt und nur versucht, diese Angriffe abzuwehren, gerät das Paar in eine verstrickte Situation.

BZ: Wie kommt man aus dieser Dynamik wieder raus?
Kunstleben: Anstatt über Schuld kann über das Thema Verantwortung gesprochen werden. Verantwortung beginnt damit, dass der oder die Verletzende zunächst einmal die Verletzung anerkennt – das ist für viele schon ein schwerer Schritt. Verantwortung heißt aber auch, dass der oder die Betrogene nicht in der Opferrolle verharrt. Manchmal braucht es eine konkrete Wiedergutmachung: einen gemeinsamen Urlaub oder auch einfach mehr Unterstützung im Alltag. Das wichtigste Ziel ist aber, verlorenes Vertrauen wiederaufzubauen. Indem das Paar zum Beispiel gemeinsam aushandelt, wie die Person, die einen Betrug begangen hat, in der nächsten ähnlichen Situation vorgeht, damit die betrogene Person keine Wiederholung fürchten muss.

"Ich persönlich glaube nicht unbedingt daran, dass der Mann grundsätzlich das untreuere Geschlecht ist." Paartherapeut Wanja Kunstleben
BZ: Wer trägt mehr Geheimnisse mit sich herum, Männer oder Frauen?
Kunstleben: Meiner Erfahrung nach haben Männer und Frauen gleichermaßen Geheimnisse voreinander. Die größten Themen – Sucht und sexuelle Untreue – gibt es auf beiden Seiten. Aufgrund der teilweise immer noch vorkommenden Abhängigkeitsverhältnisse und der Geschlechterrollen könnte es sein, dass der Betrug bei Männern öfter vorkommt. Ich persönlich glaube aber nicht unbedingt daran, dass der Mann grundsätzlich das untreuere Geschlecht ist.

BZ: Der Betrug ist das eine, es gibt aber auch Menschen mit Doppelleben.
Kunstleben: Ja, solche extremen Fälle gibt es. Menschen, die neben der einen Familie irgendwo noch eine andere haben. Ich frage mich da immer, wie sie das überhaupt organisiert bekommen.

BZ: Wieso machen Menschen so etwas?
Kunstleben: Bei solchen extremen Fällen sprechen wir schon von einer gespaltenen Persönlichkeit. Abspaltungen entwickeln sich meist aus traumatischen Erfahrungen heraus. Wenn ein Mensch aber nicht nur einzelne Erfahrungen in sich abspaltet, sondern vielleicht eine ganze Zeitspanne, dann kommt es zur strukturellen Abspaltung in der Persönlichkeitsstruktur. Diese Leute können viel stärker zwischen verschiedenen Seinszuständen hin- und herspringen.

BZ: Haben sie eine andere Moral?
Kunstleben: Bei jemandem, der so ein Doppelleben führt, ist das Empathievermögen sehr viel schwächer ausgeprägt als bei "normalen" Personen. Diese Menschen sind meist hoch narzisstisch und haben häufig auch andere Symptome. Intellektuell können sie sicherlich erkennen, dass ihre Handlungen nicht richtig sind, aber gleichzeitig sehen sie eben: Ich kann das. Da geht es auch um Macht.

"Gerade beim Thema Fremdgehen erlebe ich auf jeden Fall Paare, die sich verzeihen können." Paartherapeut Wanja Kunstleben
BZ: Was können Betroffene tun?
Kunstleben: Da ist es vor allem wichtig, dass man sich Unterstützung holt. Ich würde versuchen, dieses Thema auch für mich aufzuarbeiten. Aber ich kann mir nur schwer ein Szenario vorstellen, in dem am Ende wieder eine harmonische Partnerschaft zwischen den beiden Menschen entsteht.

BZ: Wie ist es bei harmloseren Fällen?
Kunstleben: Gerade beim Thema Fremdgehen erlebe ich auf jeden Fall Paare, die sich verzeihen können. Natürlich kann ich nur für die Paare sprechen, die auch den Schritt machen und in eine Therapie gehen. Aber natürlich schaffen auch hier nicht alle Paare die Versöhnung, meistens aber einen besseren Umgang miteinander. Die Auseinandersetzung mit diesen Themen ist für alle sehr schmerzhaft, aber wichtig.
Untreue in Zahlen

Es flog auf mit der Entdeckung von Liebesbriefen im Nähkästchen: Die Liebesbeziehung von Effi Briest zu dem Major von Crampas ist eines der großen Geheimnisse in der deutschen Literatur. Betrachtet man allerdings die Zahlen, ist es in einer Beziehung häufiger der Mann, der eine Affäre hat.

In einer repräsentativen Umfrage zum Sexualverhalten in Deutschland, die 2017 im Ärzteblatt veröffentlicht wurde, gaben 15 Prozent der befragten Frauen an, schon einmal eine Außenbeziehung eingegangen zu sein. Bei den Männern waren es 21 Prozent. In einer Internetbefragung der Psychotherapeuten Julia Haversath und Christoph Kröger von der Technischen Universität Braunschweig 2014 waren es sogar 29 Prozent der befragten Frauen und 49 Prozent der Männer. Demnach erhöhen unter anderem die Unzufriedenheit und die Dauer der Beziehung die Wahrscheinlichkeit für den Seitensprung.

Laut einer Langzeitstudie des Paartherapeuten Ragnar Beer von der Universität Göttingen innerhalb des Projekts "theratalk.de", haben 44 Prozent der betrogenen Männer und 46 Prozent der betrogenen Frauen den Seitensprung des Partners selbst herausgefunden. Bei mehr als der Hälfte der Befragten stammte der Liebhaber oder die Liebhaberin aus dem Freundeskreis oder dem Arbeitsumfeld des untreuen Partners.


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