Skispringen in Titisee-Neustadt

Sturm, Schnee, Regen und deutscher Doppelsieg

Andreas Strepenick

Von Andreas Strepenick

Mo, 11. Dezember 2017

Skispringen

Skispringer Richard Freitag gewinnt vor Andreas Wellinger in Titisee-Neustadt und versöhnt mit einem Weltcup-Wochenende, das wirklich alles geboten hat.

TITISEE-NEUSTADT. Sensationeller deutscher Doppelsieg beim Einzel-Weltcup der Skispringer in Titisee-Neustadt: Richard Freitag konnte den Wettkampf am Sonntag vor Andreas Wellinger und dem Norweger Daniel André Tande für sich entscheiden. Im Team landete das deutsche Quartett am Samstag hinter Norwegen und Polen auf Platz drei. Sturm und Schnee hätten das Wochenende beinahe vermasselt.

Es war eine Hängepartie am Sonntag, die Zuschauer mussten mehr als anderthalb Stunden warten, bis mit dem ersten und an diesem Abend einzigen Durchgang tatsächlich begonnen werden konnte beim Einzel-Weltcup in Titisee-Neustadt. Erst um 17.04 wurde das auf 15.30 Uhr angesetzte Springen tatsächlich gestartet, und kaum war Constantin Schmid aus Oberaudorf als erster von sieben Vertretern des Deutschen Ski-Verbands (DSV) über den Bakken der Hochfirstschanze gegangen, musste die Jury schon wieder unterbrechen. Mal kam der Wind von vorn, mal von hinten, mal kam gar keiner.

Nationalhymne wird gespielt um 18.08 Uhr

Doch das Warten lohnte sich für mehrere tausend Fans im Schmiedsbachtal, es lohnte sich über die Maßen: 18.08 Uhr war es, als die deutsche Nationalhymne einem von Wind und Wetter durchwirbelten Weltcup-Wochenende einen goldenen Schlusspunkt aufsetzte: Richard Freitag von der SG Nickelhütte Aue hatte seinen phänomenalen Sprung auf 145 Meter, drei Meter unter dem Schanzenrekord des Slowenen Domen Prevc, mit einer Mühelosigkeit durchgezogen, die ein paar tausend offene Münder zurückließ. Freitag landete im Jubel all derer, die ausgeharrt hatten. Er stand den weitesten Sprung des gesamten Wochenendes, bleibt damit Weltcup-Spitzenreiter und setzt den bislang erfolgreichsten Saisonstart seiner Karriere mit einer Vehemenz fort, die kühne Hoffnungen auch für die Vierschanzentournee weckt, die in gut zwei Wochen in Oberstdorf beginnt.

Unmittelbar hinter Freitag landete Andreas Wellinger vom SC Ruhpolding auf Rang zwei, auch ihn hatten die zum Schluss günstigen Bedingungen auf 139,5 Meter getragen. Dritter wurde der Norweger Daniel André Tande mit 135,5 Metern. Youngster Schmid jubelte über Rang acht, der Breitnauer Stephan Leyhe wurde Sechzehnter.

Freitag gestand am Abend ein, er habe zwischenzeitlich durchaus gezweifelt, ob der Wettkampf überhaupt noch stattfinden konnte. "Aber wir haben gewartet, und die Veranstalter haben uns ein gutes Springen ermöglicht", sagte er: "Die Schanze war sehr gut präpariert." Wellinger, der erst vor einer Woche das Springen im russischen Nischni Tagil gewonnen hatte und sich da gegen Freitag durchsetzen konnte, erklärte den Journalisten, man habe die lange Wartezeit in Titisee-Neustadt eigentlich ganz gut überstanden. "Wir blieben locker, machten Witze und sonst nichts Großes." Gefragt, welche Hoffnungen sich die deutschen Skisprung-Fans noch machen dürften in diesem Winter, antwortete Freitag in der ihm eigenen Bescheidenheit: "Wir werden noch bei ein paar Weltcups starten, so viel steht fest." Bundestrainer Werner Schuster fand den Auftritt seiner deutschen Überflieger einfach nur "stark".

Der deutsche Doppelsieg in Titisee-Neustadt versöhnte all diejenigen, denen das wilde Wetter gehörig zugesetzt hatte den ganzen Nachmittag über. Der Schwarzwald muss sich ja immer wieder einmal anhören, es gebe dort oben keinen echten Winter mehr. "Euch zeige ich es jetzt", sagte sich das landschaftlich so reizvolle Mittelgebirge im tiefen Südwesten der Republik – und suchte sich für seine Demonstration der Stärke ausgerechnet das Weltcup-Wochenende in Titisee-Neustadt aus. Schnee, Regen, Sturm, Windböen, die sich blitzschnell drehten, dann wieder für Augenblicke Sonne, die die tief verschneiten Höhen glitzern ließ, eisige Kälte im Schanzenkessel des Schmiedsbachtals, Schnee und Eis auch auf den Straßen: Da war diesmal wirklich alles dabei. "Der Veranstalter hier wird nicht vom Wetterglück verfolgt", hatte Schuster, der Bundestrainer, schon am Freitag gesagt, als die Qualifikation für den Einzel-Weltcup am Sonntag abgebrochen und auf den Samstag verschoben worden musste.

Frau Holle geizt nicht mit ihren Reizen

Da lief dann alles erstaunlich glatt bei der Quali und dem Teamwettkampf im Anschluss. Doch der Sonntag entwickelte sich abermals zur Hängepartie. Erst sagten die Veranstalter den für 14.30 Uhr geplanten Probedurchgang ab. Der Wind hätte ihnen in diesem Augenblick keine Probleme gemacht, aber der Neuschnee, mit dem Frau Holle auch an diesem Tag nicht geizte, musste erst vom Aufsprunghügel und vom Schanzenauslauf entfernt werden.

Am Startzeitpunkt für den Einzelwettkampf – 15.30 Uhr – hielten der Internationale Ski-Verband (FIS) und das Organisationskomitee zu diesem Zeitpunkt noch fest. Dann wurde die Startzeit für den Weltcup auf 15.50 Uhr verschoben – und danach abermals auf 16.30 Uhr. Sturmböen vereitelten Sprünge, und Regen prasselte auf die Zuschauer nieder, die trotzdem tapfer ausharrten. Die neue Flutlichtanlage ermöglichte es, den Zeitpunkt immer tiefer in die Winternacht hinein zu verschieben. Gegen halb fünf Uhr ließ immerhin der Regen nach, und der Poker ging weiter. Neue Startzeit: 17 Uhr. Vier Minuten später war es dann so weit - und eine Stunde danach das nächste deutsche Wintermärchen perfekt.

Vor 5000 begeisterten Skisprung-Fans im eisig kalten Kessel des Schmiedsbachtals hatten die deutschen Weitenjäger am Tag zuvor ihren ersten Heimweltcup in diesem olympischen Winter ausgetragen. Markus Eisenbichler vom TSV Siegsdorf legte am Samstag in Durchgang eins mit 134,5 Metern zunächst gut vor, doch der Oberstdorfer Karl Geiger vermasselte seinen Flug im Hochschwarzwald völlig und landete nach kargen 123 Metern. Das Podest schien für das Team von Bundestrainer Schuster schon nach zwei von acht Sprüngen außer Reichweite geraten zu sein. Wellinger mit 139,5 Metern und Schlussspringer Freitag mit 134,5 Metern schafften es aber immerhin, den Rückstand bis zur Halbzeit nicht zu groß werden zu lassen.

Die Polen mit ihrem überragenden Schlussspringer Kamil Stoch (142,5 Meter) hatten sich am Ende des ersten Durchgangs vor den Norwegern an die Spitze gesetzt, das DSV-Quartett lag mit 26 Punkten Rückstand auf Platz drei.

Ging da noch etwas im Finale? Nur auf den Positionen eins und zwei sollte sich etwas ändern. Eisenbichler blieb mit 128 Metern im Soll, Geiger konnte sich mit 129,5 Metern immerhin steigern. Als dann Wellinger nach 141 Metern einen Weltklasse-Sprung auf den perfekt präparierten Schnee der Hochfirstschanze setzte, war immerhin klar, dass die deutschen Skispringer auf dem Podest stehen würden. Doch auch Weltcup-Spitzenreiter Freitag, vor einer Woche mit Platz eins und Platz zwei der dominierende Athlet beim Weltcup im russischen Nischni Tagil, konnte selbst mit phänomenalen 143,5 Metern, dem weitesten Satz am Samstag, nur noch Platz drei sichern, aber nicht mehr zu den Polen und Norwegern aufschließen. Die lieferten sich ein Wimpernschlagfinale. Winzige 0,8 Punkte trennten Sieger Norwegen mit Robert Johannson, Daniel André Tande, Anders Fannemel und Johann André Forfang am Ende von dem umjubelten polnischen Team mit Piotr Zyla, Maciej Kot, Dawid Kubacki und Kamil Stoch mit ihrem Trainer Stefan Horngacher aus Titisee-Neustadt.

Der DSV-Präsident lobt die 800 Helfer

Franz Steinle, der Präsident des Deutschen Ski-Verbands, attestierte den 800 Helferinnen und Helfern in Titisee-Neustadt einmal mehr erstklassige Arbeit. Die Hochfirstschanze sei "eine tolle Anlage, was auch die Springer allesamt bestätigen", sagte Steinle der Badischen Zeitung. Erstmals flogen die Besten der Welt im Schmiedsbachtal mitten in die Winternacht hinein – die neu installierte Flutlichtanlage machte es möglich. Sie war eine Vorgabe der FIS. "Das Flutlicht ist natürlich ein wichtiger Baustein für die Sicherung des Weltcup-Standorts", erklärte der DSV-Präsident. Aber die nationale und internationale Konkurrenz sei nach wie vor groß: "Man wird immer darum kämpfen müssen, einen Weltcup zu bekommen." Bereits am kommenden Wochenende geht es weiter mit den Weltcups im Hochschwarzwald: Dann werden – bei hoffentlich besseren Bedingungen – die weltbesten Skispringerinnen zu Gast in Hinterzarten sein.