"Ich hab’ den Tag meines Lebens gehabt"

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Sa, 02. Juni 2018

Radsport

BZ-INTERVIEW mit Nico Denz über seinen guten Auftritt beim Giro d’Italia und laute Hubschrauber.

FREIBURG. Bislang war Nico Denz einer unter vielen im ebenso großen wie bunten Peloton des Profiradsports. Beim Giro d’Italia konnte der 24-Jährige aus Albbruck jedoch mit beeindruckenden Auftritten aus dem Schatten treten. Michael Dörfler hat sich mit ihm nach seinem Parforceritt unterhalten.

BZ: 62. im Gesamtklassement des Giro d’Italia, dazu ein Riesenauftritt auf der zehnten Etappe, die Sie als Zweiter beendeten. Herr Denz, wussten Sie, dass Sie so gut sein können?
Denz (lacht): Ich möchte jetzt nicht arrogant klingen, aber ich war schon überzeugt von meinen Talenten und wusste, was ich konnte. Bisher hatte ich aber leider nicht die Möglichkeit dies alles unter Beweis stellen zu können. Bislang musste ich als Helfer meine Körner für die Mannschaft ins Feuer schmeißen. Diesmal habe ich freie Fahrt bekommen – und auf der zehnten Etappe den Tag meines Lebens gehabt. Es hat alles gepasst.

BZ: Der Giro war die erste Grand Tour, die Sie zu Ende gefahren sind, nachdem Sie bei der Vuelta im vergangenen Jahr ausschieden. Wie haben Sie die drei Wochen erlebt?
Denz: Es war knüppelhart. Ich bin ohne Ambitionen an den Start gegangen, weil ich schon die Klassikersaison im Frühjahr in den Beinen hatte. Nach den ersten Tagen hab’ ich aber gemerkt, dass es immer besser läuft. Entsprechend habe ich versucht, in Fluchtgruppen zu kommen und mich in Szene zu setzen. In der dritten Woche war der Akku dann aber ziemlich leer.

BZ: Der Giro war zu Beginn in Israel zu Gast. Wie haben Sie die Lage dort erlebt. War das etwas fremdartig?
Denz: Es war interessant und sehr speziell. Vor allem die jüdische Religion und all ihre Riten waren mir völlig unbekannt.

BZ: Wie haben Sie die Sicherheitsvorkehrungen empfunden?
Denz: Die waren immens. Insbesondere auf der dritten Etappe, als es durch die Wüste nach Eilat ans Rote Meer ging. Zunächst einmal wurden die Straßen auf mögliche Bomben abgesucht, dann eskortierten uns bewaffnete Soldaten, Kampfjets flogen über unsere Köpfe, Hubschrauber dazu. Die Stimmung war angespannt, aber ich hatte nicht eine Sekunde Angst, dass etwas passieren könnte.

BZ: Macht Sport unter solchen Umständen Spaß?
Denz: Ich hab’ mich dort aufs Radfahren konzentriert. Mit dem Konflikt und all den politischen Winkelzügen habe ich mich nicht beschäftigt.
BZ: Sie können jetzt vergleichen: Giro und Vuelta, was ist schwieriger? Wo liegen die Unterschiede?
Denz: Der Unterschied liegt bei mir. 2017 war ich im Frühjahr krank, davon hab’ ich mich die gesamte Saison nicht erholt. Ich fand meine Form nicht, war nicht wettbewerbsfähig. Bei der Vuelta bin ich nur hinterher gefahren. Dieses Jahr bin ich für meine Verhältnisse auf Topniveau. Daher kam mir der Giro einfacher vor. Obwohl alle gesagt haben, es sei der schwerste Giro aller Zeiten gewesen.

BZ: Was sagen Sie zur Königsetappe über den streckenweise nicht asphaltierten Colle delle Finestre (2178 Meter)? Wenn man die Bilder sieht, hat man den Eindruck, alles sei lediglich eine pervertierte Show.
Denz: Ich sag’ mal so, es war schon gut, dass es dort nicht auch noch geregnet hat. Ganz so brutal hab’ ich das aber nicht empfunden, obwohl ich gelitten habe. Immerhin war ja die Abfahrt geteert. So war es machbar. Einige Kollegen von mir hat der unbefestigte Teil gar nicht gestört.

BZ: Ist es übertrieben zu behaupten, die Italien-Rundfahrt war bislang das Highlight Ihrer Karriere?
Denz: Nein, das stimmt. Ich konnte endlich zeigen, was in mir steckt. Ich denke, man hat solche Tage nicht so oft in der Karriere. Für mich hat alles gestimmt.

BZ: Wie viel denn das Resümee Ihrer Mannschaft aus?
Denz: Es gab zufriedene Gesichter und entsprechend viel Lob – auch vom Sportlichen Leiter. Mein Status im Team hat sich spürbar verändert. Nach der zehnten Etappe bekam ich Freifahrscheine. Ich bin jetzt froh, dass ich das Vertrauen des Teams, das mit mir im letzten Jahr den Vertrag verlängerte, zurückgeben kann.

BZ: Wie sieht der Rest des Jahres aus? Fahren Sie etwa auch die Tour de France?
Denz: Um Gottes willen, zwei solche Rundfahrten wären zu viel. Ich hab’ ja jetzt schon 48 Renntage 2018. Ich werd’ mich jetzt erholen und dann wohl die Route de Sud fahren. Natürlich fahr’ ich die nationale Meisterschaft im hessischen Einhausen und als deutscher Fahrer in einem französischen Team auch die Deutschland-Tour. Dazu kommt wahrscheinlich noch die Polen-Rundfahrt.

Nico Denz (24) wurde in Waldshut-Tiengen geboren und fing beim örtlichen VBC mit dem Radfahren an. 2013 wechselte er nach Frankreich, wo er sich dem in Chambery ansässigen Farmteam der Profimannschaft Ag2r anschloss. Im August 2015 stieg er in das sogenannte World Team auf – in dem er immer noch fährt. Denz lebt in Albbruck.