Zwei Profis und die große Lust auf die Tour de France

Michael Dörfler

Von Michael Dörfler

Sa, 12. Mai 2018

Radsport

Unterschiedliche Voraussetzungen, aber: Für Jasha Sütterlin und Simon Geschke spielt die Frankreich-Rundfahrt eine große Rolle.

FREIBURG. Die alten, aber gleichwohl akribisch aufgearbeiteten Rahmen berühmter italienischer Radmanufakturen faszinieren die beiden Besucher. Die beiden in Freiburg wohnhaften Radprofis Jasha Sütterlin (25) und Simon Geschke (32) sind ins Caffé Bicicletta gekommen, um bei Cappuccino und Weizenbier, Alkoholfreiem wohlgemerkt, über ihre Ambitionen in der neuen Saison zu sprechen. Doch die Aktualität hat jetzt zu warten. "Schau mal da, guck mal hier", die alten Stahl- und Aluminiumräder begeistern das äußerlich etwas ungleiche Duo.

Sütterlin, im Outfit seines spanischen Arbeitgebers Movistar samt Rennmaschine erschienen, kommt eben von einer etwa 130 Kilometer langen Runde durch den Südschwarzwald zurück. Geschke trägt Shorts und ein T-Shirt plus modischen Vollbart. Er war schon am Morgen unterwegs; "eine Runde auf dem Mountainbike". Der Ort des Gesprächs war ihnen bislang verborgen geblieben.

Keine guten Erinnerungen an Italien

Italien. Das weckt bei Geschke spontan Erinnerungen an das Etappenrennen Tirreno-Adriatico im März dieses Jahres. Bei einer Abfahrt war er in einer Kurve, "direkt vor mir", wie Sütterlin gleich anmerkt, zu Fall gekommen und hatte sich das Schlüsselbein gebrochen. Damit waren die Pläne des gebürtigen Berliners aus der Equipe Sunweb gleich mal tüchtig durcheinander geraten. Erst im zu Ende gehenden April trat Geschke für eine breitere Öffentlichkeit wieder in Aktion. Zur zweiten Hälfte der Frühjahrsklassiker in Benelux. "Ohne große Vorbereitung reißt man dort aber nichts", sagt Geschke, der in seinem Zustand ein Rennen wie Lüttich-Bastogne-Lüttich eher wie eine Qual auf Rädern empfunden hat. Training bei Wettkampfbedingungen eben. Nicht schön, aber notwendig.

Ganz ähnlich ist es in den Ardennen Jasha Sütterlin ergangen. "Ich muss jetzt dringend Luft dranlassen", sagt der am Kaiserstuhl groß gewordene Profi nach dem für ihn sehr anspruchsvollen Frühjahr. Er musste viele Rennen bestreiten, entsprechend müde ist der für seine Tempohärte und Zeitfahrkunst bekannte Südbadener jetzt nach Hause zurückgekehrt.

Sütterlin hat ein großes Ziel. Beim Critérium de Dauphine, einem anspruchsvollen, achttägigen Etappenrennen Anfang Juni in Frankreich, will er auf sich aufmerksam machen, damit ihn sein Team zur diesjährigen Tour de France mitnimmt. Im vorläufigen Kader findet sich sein Name, doch die Sache könnte zur Hängepartie werden. Grund: In dieser Saison ist die Zahl der Fahrer pro Mannschaft bei den sogenannten World-Tour-Rennen vom Radsport-Weltverband (UCI) von neun auf acht reduziert worden – aus Sicherheitsgründen. Gesetzt bei Movistar sind mit Nairo Quintana, Alberto Contador und Mikel Landa schon mal drei Topfahrer, womit nur noch fünf Plätze frei wären. Sütterlin setzt darauf, dass seine Mannschaft ihr Augenmerk auch auf das Teamzeitfahren lenkt, in dem er, wie auf den Flachetappen, die Lokomotive für die teaminterne Prominenz geben könnte. Sogar ein dreiwöchiges Trainingslager im italienischen Zollausschlussgebiet Livigno nahe dem eidgenössischen Engadin hat er geplant – um auch in den Bergen, die nicht zu seinem bevorzugten Terrain gehören, seinem Team zu Diensten sein zu können.

Solche Sorgen hat Geschke nicht. "Wenn alles so kommt, wie es geplant ist, werde ich die Tour fahren", sagt er. Geschke ist so etwas wie der erste Adjutant seines Kapitäns Tom Dumoulin, dem Niederländer, der sich aktuell gerade daran macht, seinen Giro-Sieg vom vergangenen Jahr in Italien zu wiederholen und dessen größtes Ziel es ist, einmal im Gelben Trikot am Arc du Triumphe in Paris anzukommen. Geschke könnte da eine große Hilfe sein, vor allem im Hochgebirge, wo sich der Berliner sehr wohl fühlt. Nach der Tour de Romandie und dem Rennen "Rund um den Finanzplatz Frankfurt", hat Geschke jetzt Auftritte in Norwegen im Kalender stehen. Die dreitägige Hammer-Series wird er fahren und die ebenfalls dreitägige Tour de Fjords. Was ihn dort erwartet, weiß er nicht so recht, aber allein der Name Norwegen mit den vielen Bergen steht für reizvolle Landschaften und entsprechend anspruchsvolles Terrain. Aber wer weiß, vielleicht ist es Geschke danach in Frankreich noch einmal vergönnt, die 17. Etappe der Tour de France von 2015 nach Pra Loup aufleben zu lassen. Damals hat er einen Etappensieg feiern können, als 38. im Gesamtklassement erreichte er das Ziel auf den Champs-Élysées in Paris. Es war seine wohl stärkste Saison im Peloton.

Sütterlin, der ebenfalls 2015 mit seinem Team die Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft im Teamzeitfahren gewann, schärft, zumindest gedanklich, seine Sinne schon mal Richtung WM Ende September in Innsbruck. Da dürfte er, sofern nichts dazwischen kommt, beim Kampf gegen die Uhr an der Startlinie stehen. Ebenso wie Geschke, dessen Sunweb-Team den Titel zu verteidigen hat. Beim Straßenrennen dagegen wird Sütterlin "auf gar keinen Fall" starten. Die Runde gilt als extrem anspruchsvoll, die Steigungen sind zahlreich, weshalb die Angelegenheit etwas für ausgewiesene Bergfahrer werden dürfte. Für einen wie Geschke vielleicht? Der lächelt und verweist auf die zahlreichen Branchengrößen. Es gelte abzuwarten.

Etwas ist in Geschkes Leben aber schon jetzt passiert. Modisch ist er als einer der ersten Bartträger im Peloton bereits in Erscheinung getreten. Da der männliche Gesichtsschmuck immer mehr Anhänger findet, hat Geschke zusammen mit belgischen Partnern ein spezielles Bart-Balsam auf den Markt gebracht, das unter seinem Namen vertrieben wird. Ein Pflegemittel, das Geschke zufolge "den Bart geschmeidig macht und angenehm riechen lässt". Und natürlich darf der Hinweis nicht fehlen: "Im Internet kann man’s bestellen." Sütterlin scheint das zu imponieren. Er fährt sich mit den Fingern durchs Gesicht, muss dann aber feststellen: "Ich glaub’, ich brauch das nicht." Ein Tour-Start wäre ihm vermutlich auch lieber.