Olympia

Zwei Anwälte und zwei Informanten sind hauptverantwortlich dafür, dass das staatsgelenkte Doping in Russland aufgedeckt wird

dpa

Von dpa

Mi, 06. Dezember 2017

Sportpolitik

Zwei Whistleblower und zwei Anwälte haben das flächendeckende, staatlich unterstützte Doping in Russland und die unfassbare Manipulationen bei den Winterspielen 2014 in Sotschi aufgedeckt.

LAUSANNE (dpa). Ohne die Enthüllungen der russischen Kronzeugen Julia Stepanowa und Grigori Rodschenkow sowie die akribischen Ermittlungen der kanadischen Juristen Richard Pound und Richard McLaren wäre der unfassbare Betrug in der Sportgroßmacht nicht ans Tageslicht gekommen.

"Das Quartett hätte den höchsten Orden und mehr Wertschätzung vom Internationalen Olympischen Komitees verdient", meinte Anti-Doping-Experte Clemens Prokop. Mit ihrem Einsatz hätten die Vier – trotz aller Anfeindungen aus Russland - einen hohen Maßstab in puncto "Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit im Sport" gesetzt.

In der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht" schilderte im Dezember 2014 die Ex-Weltklasseläuferin Julia Stepanowa das systematische Doping in der Leichtathletik ihres Landes. Damit gab sie die Initialzündung für Ermittlungen der Welt-Anti-Doping-Agentur in Russland, die offenbarten, dass das ganze Sportsystem auf Betrügereien aufgebaut war.

Der Leichtathletik-Verband prescht vor

Auf die Frage, ob die Ergebnisse der Untersuchung zur Leichtathletik nur die Spitze eines Eisbergs sein könnten, entgegnete WRichard Pound, Ermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bei der Präsentation seines schon schockierenden Reports: "Ich fürchte, Sie haben recht." Neben ihm saß Richard McLaren, der dabei den ersten Blick in den russischen Doping-Abgrund werfen konnte. Der Pound-Bericht veranlasste den Leichtathletik-Weltverband (IAAF), Russlands nationalen Leichtathletik-Verband zu suspendieren und von den Olympischen Spielen 2016 in Rio auszuschließen. Die Sperre ist bis heute nicht aufgehoben worden.

So konsequent reagierte das IOC nicht auf den danach folgenden ersten McLaren-Report über ein System von Staatsdoping in Russland von 2011 bis 2016, in dem auch über Austausch und Manipulation von Doping-Proben eigener Athleten im Analyselabor der Winterspielen 2014 in Sotschi berichtet wurde. Das IOC verzichtete auf einen kompletten Bann der Russen von den Rio-Spielen – im Gegensatz zum Paralympischen Komitee, das die Behindertensportler vertritt.

Wada-Sonderermittler McLaren profitierte auch vom Insiderwissen Rodschenkows. Der Chemiker war von 2006 bis 2015 Leiter des Moskauer Labors und einer der Schlüsselfiguren des Dopings in seinem Land. Rund 1000 russische Athleten sollen selbst gedopt oder von der Doping-Verschleierung durch den Staat profitiert haben, berichtete McLaren.

Ausgepackt hatte Rodschenkow zunächst im Mai 2016 in der "New York Times". Außerdem war er zentrale Figur der Dokumentation "Icarus". Rodschenkow und auch Stepanowa mussten nach ihren Enthüllungen Russland verlassen, weil sie sich dort nicht mehr sicher fühlten. Stepanowa und ihr Mann Witali wurden als Verräter beschimpft.

Unter Zeugenschutz in den USA leben

"Wenn uns etwas passiert, sollten Sie alle wissen, dass dies kein Unfall war", sagte Stepanowa nach ihrer Flucht. Bei den Rio-Spielen wurde der ehemaligen Dopingsünderin der Olympia-Start verweigert, inzwischen wird sie vom IOC finanziell unterstützt.

Grigori Rodschenko, den Russlands Präsident Wladimir Putin als "Mann mit einem skandalösen Ruf" bezeichnete, lebt inzwischen in den USA unter Zeugenschutz. Die Wada-Ermittler McLaren und Pound wurden aus Russland als Verräter oder Idioten beschimpft – und der Wahrheitsgehalt ihrer Berichte wird bis heute geleugnet.