Neues Stadtviertel

Straßburg setzt auf den Baustoff Holz

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Di, 03. Juli 2018 um 19:58 Uhr

Wirtschaft

Mit ökologischem Ehrgeiz und neuen Wohnkonzepten hat Straßburg seine "écocité" geplant – ein Holzhochhaus gehört zu den Vorzeigeobjekten.

Augenfälliger könnte das Holzhochhaus nicht platziert sein. Kurz hinter dem Brückenschlag über den Rhein ist am Eingang zu Straßburg in den vergangenen Wochen ein Gebäudekomplex emporgewachsen, der seinesgleichen sucht.

Über einem langgestreckten Betonsockel erhebt sich auf elf Etagen das in Frankreich höchste Gebäude, das mit all seinen tragenden Strukturen ausschließlich aus Holz gebaut wurde. Das moderne Ensemble mit dem hervorstechenden Eckturm wirkt unaufdringlich und funktional. Später werden die glatten Fassaden von Balkonen unterbrochen sein. Selbst die Treppenaufgänge und die Aufzugsschächte wurden auf Holz gefertigt – bei einem Gebäude dieser Höhe ein Novum. Das von Architekt Christophe Ouhayoun geplante Holzhochhaus hat bereits einen Innovationspreis der Baubranche erhalten.

Initiiert hat das Bauprojekt im jungen Viertel Deux Rives (Zwei Ufer) am Rhein die Eurometropole selbst als Bauherrin. Straßburg will in Sachen Städtebau und Ökologie Vorreiter sein. "Traditionell spielt Holz eine wichtige Rolle in unserer regionalen Architektur", sagt Alain Jund, Beigeordneter Bürgermeister für Stadtplanung. "Gleichzeitig finden wir in der regionalen Wirtschaft die nötigen Voraussetzungen, um in die Sparte Holz zu investieren." Die Höhe hat für den Grünen-Politiker Symbolcharakter: "Wir wollten zeigen, dass es möglich ist und dass es das Knowhow gibt, Holz selbst in dieser Höhe für alle tragenden Strukturen zu verwenden." Wo viele Menschen leben wollen, sind Stadtplaner gezwungen, den verfügbaren Platz intensiv auszunutzen.

Es entsteht ein ganzes Holzquartier

Jund ist überzeugt, dass Holz gerade dort, wo Menschen immer dichter zusammenleben, das Wohnen humaner gestaltet. Die Stadt nutzt das "Zwei-Ufer-Quartier" als Experimentierfeld. Mit ökologischem Ehrgeiz und neuen Wohnkonzepten hat Straßburg seine "écocité" geplant – dort, wo die Straßenbahn als neue Verbindungsachse Straßburg-Kehl über den Rhein steuert. Die früheren Brachen sind fast vollständig verschwunden. In den nächsten Monaten wird ein ganzes Holzquartier entstehen: Hinter dem von Ouhayoun entworfenen Ensemble aus dem Elf-Etagen-Turm und zwei niedrigeren Türmen sind weitere Wohnanlagen in Holzbauweise geplant.

Die Stadt hat einen Mix mit Sozialwohnungen zur Auflage gemacht. Bei Bouygues, der französischen Immobiliengesellschaft, die mit dem Bauunternehmer Eiffage 2013 die Ausschreibung gewann, begreift man das Projekt als Herausforderung. Zwar lägen die Kosten bei dieser Bauweise etwa 20 Prozent über denen herkömmlicher Bauten, sagt Philippe Michel, technischer Direktor für Bouygues in Ostfrankreich. Dafür sei es eben ein Modellprojekt. Bei künftigen vergleichbaren Bauvorhaben würden die Kosten dann womöglich geringer ausfallen. "Unabhängig davon, ob wir ein solches Projekt wieder in Angriff nehmen, werden die Erfahrungen in andere Bauvorhaben einfließen", so Michel.

Der Aufwand für das Holzquartier war groß: Drei Jahre dauerte es allein, alle technischen Probleme und Auflagen rund um Brandschutz, Schalldämmung, Witterungsbeständigkeit und Erdbebensicherheit zu lösen. Bouygues engagierte Speziallabors und suchte Spezialhersteller. Die KLH Massivholz GmbH aus der Steiermark etwa liefert für Fassaden und Decken stabile und trotzdem leichte Sperrholzplatten aus mehreren kreuzweise verleimten Schichten Pinienholz.

Niedriger Energieverbrauch ist ein Ziel

Jedes einzelne Element wird im Werk für seinen speziellen Platz computergesteuert zugeschnitten. Ein System aus dicken Balken und Pfeilern verleiht der Struktur Stabilität. Nach innen dämmt Gipskarton. Durch die vielen Materialschichten sind die Außenwände mehr als 40 Zentimeter dick. Dank Geothermie und Grundwasserkühlung soll der Energieverbrauch in dem Niedrigenergiehaus mit 146 Wohnungen 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter nicht überschreiten. Nach außen wird am Ende eine schützende Metallverkleidung die Fassade abschließen. Um der Haltbarkeit willen. Von weitem wird das Holzhaus also gar nicht mehr als solches zu erkennen sein.