Es wird viel Streit geben

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 10. Februar 2019

Südwest

Der Sonntag Priestermangel, weniger Katholiken, Missbrauchskandal: Das Erzbistum Freiburg plant tiefgreifende Veränderungen.

Das Erzbistum Freiburg plant eine grundlegende Reform. Herzstück der gewaltigen Veränderung wäre die Reduzierung der derzeit 224 Seelsorgeeinheiten auf 40 Pfarreien. Dafür ist der akute Priestermangel einer der Hauptgründe. Mit Unzufriedenheit und Widerstand an der Basis muss die Kirchenleitung allerdings rechnen.

Von "epochalen Veränderungen" ist nun die Rede, nachdem ein im Erzbischöflichen Ordinariat ausgearbeitetes Arbeitspapier mit der Überschrift "Pastoral 2030" bekannt wurde. Und tatsächlich soll binnen des kommenden Jahrzehnts zumindest strukturell-administrativ im Erzbistum kein Stein mehr auf dem anderen bleiben: "Dieser tiefe Einschnitt ist notwendig, wenn wir nicht in wenigen Jahren wieder von vorn beginnen wollen", verteidigt der Freiburger Erzbischof Stephan Burger die geplante Reform.

Die Reduzierung der derzeit 1 057 Pfarreien zwischen Konstanz und Tauberbischofsheim, die in 224 Seelsorgeeinheiten zusammengefasst sind, auf rund 40 "Pfarreien neu" wirkt auf viele Katholiken an der Basis wie ein atemberaubender Wandel, an dessen Ende noch nicht absehbar ist, was aus dem kirchlichen Leben für immer verschwindet und was Neues entstehen könnte. Erzbischof Burger macht immerhin keinen Hehl daraus, dass man sich von vielen Dingen verabschieden werde, die in der Vergangenheit selbstverständlich waren: Dies sei schon deshalb nötig, weil, so Burger, "die volkskirchlichen Strukturen nicht mehr tragen".

Der Priestermangel, die stetig sinkende Zahl der Katholiken, die Einbrüche bei der Kirchensteuer rufen nach einer anders aufgestellten Erzdiözese. "Die Kirche erlebt derzeit einen Zusammenbruch, der durch den Missbrauchskandal beschleunigt wurde, sie muss jetzt einen Wandlungsprozess durchmachen", sagt der Leiter des Dekanats Endingen-Waldkirch, Hans-Jürgen Decker.

Für kommendes Wochenende, Freitag und Samstag, wurde deshalb eine diözesane Pastoralkonferenz einberufen. Mit dieser Konferenz, an der die Leitung des Erzbischöflichen Ordinariats, die Dekane, die Kirchensteuervertretung sowie die Mitglieder der diözesanen Räte teilnehmen, beginnt ein Konsul- tationsprozess zu "Pastoral 2030", an dessen Ende bis 2021 Reform-Beschlüsse stehen sollen. Aus der Sicht des Erzbistums wären räumlich groß angelegte Pfarreien die beste Lösung, weil diese auch künftig von einem geweihten Priester geleitet werden können. Dies sei letztendlich auch dem gültigen Kirchenrecht geschuldet. Zur Entlastung des theologischen Personals – weitere Priester, aber vor allem Pastoralreferenten – sollen in der "Pfarrei neu" dafür geschulte Angestellte administrative und betriebswirtschaftliche Aufgaben übernehmen. An deren Spitze stünde ein "Geschäftsführer" als wichtige Unterstützung für den "Pfarrer".

Die Karlsruherin Martina Kastner, Vorsitzende des Diözesanrates, der die Interessen der Laien im Erzbistum vertritt, zeigte sich nach der Veröffentlichung des Arbeitspapiers "Pastoral 2030" überrascht und irritiert: "Die angestrebten Veränderungen sind sehr weitreichend und auch schon sehr konkret, bei vielen Mitgliedern des Diözesanrates entsteht der Eindruck, dies alles sei nun beschlossene Sache." "Keineswegs", erwidert Ordinariatssprecher Wolfgang Finke, "wir stehen erst am Anfang eines offenen Prozesses, der auf Kompromiss angelegt ist."

Aufgezwungene Reform ist unwahrscheinlich

Allerdings: Das letzte Wort haben am Ende – Konsultationsprozess hin oder her – Erzbischof Burger und die Leitung des Erzbischöflichen Ordinariats. Doch eine exklusiv oktroyierte Reform von oben scheint in der aktuellen Situation der Kirche ebenfalls unwahrscheinlich, denn nicht nur Priestermangel, sinkende Mitgliederzahlen und weniger Steuereinnahmen beschäftigen die katholische Kirche. Die sexuellen Missbrauchskandale haben diese arg erschüttert. Erzbischof Burger räumt vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen – kultureller Wandel, Globalisierung, Migration, neue Geschlechterverhältnisse – unumwunden ein "Ende religiöser Selbstverständlichkeiten" ein. Und der Freiburger Pastoraltheologe, Professor Bernd Spielberg, der an der Ausarbeitung des 40-seitigen Textes "Pastoral 2030" unmittelbar beteiligt war, mahnt schon jetzt: "Es wäre ein Fehler, bei der Reform nur auf die Strukturen zu schauen. Die Reform kann nur gelingen, wenn auch die Inhalte der kirchlichen Verkündigung der Gegenwart gerecht werden."

In diesem Sinne fordert der Lörracher Dekan Gerd Möller, neben die administrativen Fragen gleichrangig andere zu stellen: "Wie schaffen wir Orte, an denen Menschen ihren Glauben leben können? Was ist Heimat und was brauchen wir dafür? Was brauchen die Menschen und wie rüsten wir sie für den Weg?" Auch Martina Kastner kritisierte nach der Lektüre des "Pastoral 2030": "Über Zölibat und die Rolle der Frau in der Kirche habe ich zu wenig gelesen." Somit wird offensichtlich: Eine grundlegende Reformdebatte wird sich derzeit möglicherweise nicht in eng gesteckten Bahnen inszenieren lassen. Dafür ist der Bedarf an Veränderungen zu groß.

Angesichts der tiefen Krise und der zahlreichen Probleme, mit denen die Kirche sich konfrontiert sieht, weckt der Reformprozess auch große Hoffnungen. Diese blühen schon an der Theologischen Fakultät, wo die Ansicht weit verbreitet ist, die führenden Kleriker hätten seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil viel zu lange die Erkenntnisse der modernen Theologie ignoriert. Zuversicht herrscht trotz aller Sorgen auch an der Basis: "Der Zölibat wird sich auf Dauer nicht mehr vermitteln lassen", sagt Dekan Decker und ergänzt: "Es dürfte eigentlich auch beim Priestertum der Frau keine Denkverbote geben." Das Diakonat der Frau sei hier ein erster notwendiger Schritt. "Doch unser Erzbischof", sagt er, "ist hier kein Vorreiter." Viel Streit ist so wieder programmiert.