Leerstand oder Verdrängung?

Savera Kang

Von Savera Kang

So, 06. Januar 2019

Südwest

Der Sonntag Basel hat zahlreiche erfolgreiche Zwischennutzungen, doch es gibt grundsätzliche Kritik.

Zwischennutzungen können kurzfristig preiswerte Freiräume erschaffen. Sie stehen aber auch in der Kritik, langfristig zur Vertreibung alteingesessener Bewohner beizutragen.

Schaut man aus Südbaden nach Basel, ist es ein Zwischennutzungsparadies: Ehemalige Güterbahnhofsflächen und Gewerbeareale erstrahlen in den buntesten Farben, die Freiheit versprechen – vor wenigen Jahren noch auf dem Erlenmattareal, seit einigen Jahren schon an der Uferstraße und demnächst dort, wo langfristig der neue Stadtteil Klybeck entstehen soll. Um nur einige Beispiele herauszugreifen.

Wie Leuchttürme weisen temporäre Neunutzungen auch Bewohnern anderer Quartiere den Weg auf die einstigen Brachen, beleben damit zugleich ihr Umfeld und verbinden Nachbarn.

Idealerweise. Denn Zwischennutzungen stehen auch im Ruf, Investoren anzuziehen wie proteinreiche Kräuter Heuschrecken. Ist ein Bezirk erst einmal von der Peripherie ins Zentrum freizeitlicher Aktivitäten gerückt und wird neben Alteingesessenen auch von jungen Kreativen, Familien und wohlhabenden Zuziehenden frequentiert, häufen sich des Öfteren Klagen über Gentrifizierung.

Gemeint ist die schon Klischee gewordene Verdrängung der weniger finanzkräftigen Einwohner eines betroffenen Stadtviertels durch diejenigen, die es sich leisten können, dort zu wohnen, wo es gerade hip ist. Mieten steigen, der Charakter so manches Straßenzugs wandelt sich rasant. Die Zwischennutzer – ohnehin nicht gekommen, um zu bleiben – ziehen aus und machen Platz für multinationale Kaffeehausketten und teure Boutiquen.

Pascal Biedermann kennt die Vorwürfe und sagt: "Das ist berechtigte Kritik, der man sich stellen muss." Biedermann ist Co-Präsident und Geschäftsleiter des Vereins für Zwischennutzungen "Unterdessen". Daneben ist er Mitbegründer von "Kantensprung" und Geschäftsführer der "Denkstatt"-Büros, die viele Umnutzungen in der Rheinmetropole verantworten.

Zwischennutzer kommen nicht, um zu bleiben

So war beispielsweise die Basler Markthalle, ein imposanter Kuppelbau aus den 1920ern, zunächst ein Experiment: Die Nutzung durch hochpreisige Modegeschäfte floppte, ein anderes Konzept sollte her und die Markthalle als Ort wieder etablieren. Was langsam anlief, ist heute – seit die Gemeinnützige Stiftung Edith Maryon das Gebäude der Investmentbank Credit Suisse abkaufte – eine feste Größe im Basler Gastronomie- und Freizeitangebot. Die Zwischennutzung war so erfolgreich, dass daraus eine langfristige Nutzung wurde – eine Umnutzung also, vom überdachten Markt für Obst- und Gemüsehändler zum kulturellen Treffpunkt mit Gastronomiefokus.

Pascal Biedermann setzt sich auf einen staubigen Stuhl in einer leeren, kalten Fabrikhalle auf dem verlassenen BASF-Gelände an der Basler Klybeckstraße. Trotz trübem Winterwetter ist der Raum hell und freundlich. Oft fragten ihn Leute, ob man nicht in den lichtdurchfluteten Hallen wohnen könne, der Gedanke sei auch für Biedermann verlockend: "Ich habe eine persönliche Affinität zu alten Industriegebäuden", gibt er zu. Doch wo zuvor mit Chemikalien hantiert wurde, könne man nicht einfach wohnen, und ohnehin sei das Ziel, mit möglichst geringen Investitionen unkompliziert Raum zu schaffen für Kreative oder Start-ups, die sich hohe Atelier- und Büromieten nicht leisten können.

Irgendwann habe sich ein Konzept dann bewährt (oder eben nicht) und Holzwerkstatt, App-Entwickler, Kaffeeröster oder Theatergruppen ziehen weiter in Räume, die ihnen langfristige Planungssicherheit ermöglichen.

Dass Firmen, die Standorte verlassen, Hauseigentümer und häufig auch der Kanton auf den Verein "Unterdessen" zukommen, hat pragmatische Gründe: Man möchte verhindern, dass leerstehende Häuser besetzt werden. "Wir mieten das Ganze dann von der Stadt mit einem befristeten Vertrag", sagt Biedermann. "Wir konzipieren und verwalten und kümmern uns um die Frage, die für Eigentümer am wichtigsten ist: ,Wie gehen die Zwischenmieter wieder weg?’", da gebe es glasklare Verhältnisse – so erklärt er grob, was im Detail ein großer planerischer Aufwand und im Idealfall ein neuer Leuchtturm im Quartier ist.

"Man kann schon sagen: Mit einer Zwischennutzung hilft man dem Investor, der sowieso schon viel Kapital hat, dieses zu vermehren – indem man den Wert steigert und das Umfeld attraktiver macht", räumt Biedermann ein.

Doch er fragt auch: "Verzichtet man deswegen auf die Nutzung von leerem, günstigem Raum? Was hilft das?" Er wisse auch nicht, wie und warum man Stadtentwicklung aufhalten solle.

Auf dem BASF-Gelände sind derweil bereits erste Zwischennutzer eingezogen: Die Redaktion eines Quartiermagazins beispielsweise, und vor dem kalten, leeren Raum stapeln sich schon Lautsprecherboxen für eine geplante Mischung aus Kantine und Veranstaltungsraum.