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25. August 2011
Der Schwarzwald: Zum Kuckuck mit Neuschwanstein
BZ-SOMMERSERIE (TEIL 3): Uhren, Kuchen, Schinken, mit seinem touristischen Dreiklang kann der Schwarzwald noch immer in der Welt punkten.
Berge trennen und schaffen so Abgeschiedenheit, sie verstellen den Blick und eröffnen Aussichten, sie bedeuten Mühsal und sind für andere eine Verlockung, Berge prägen in vielfältiger Weise das Leben der Menschen und das Erscheinungsbild der Landschaft. In einer Sommerserie nähern sich Redakteure der Badischen Zeitung dem Leben mit den Bergen an.
Die ganze Wand tickt nervös. Eng gedrängt steht die chinesische Reisegruppe davor, schaut auf die geschnitzten, in dunklem Braun gehaltenen Holzkästen. Dicht an dicht hängen sie hier, bestimmt 80 Exemplare, zwischen die einzelnen passt keine Hand. Die Attraktionen, manche groß wie ein Schuhkarton, andere schon fast wie eine Umzugskiste, sind verziert mit Jagdmotiven wie Hirschgeweihe oder Gewehre. Unter dem Ziffernblatt stehen kleine Figuren in Schwarzwaldtracht, die Baumstämme sägen oder Bier trinken, darunter baumeln an einer Kette kupferne Tannenzapfen. Und wenn der Verkäufer die Zeiger auf die volle Stunde stellt, kommt der kleine Holzvogel, auf den hier alle warten, macht Kuckuck und die Gäste freuen sich. Der Verkäufer muss viele Zeiger drehen an diesem Tag, die Besucher aus Fernost sind richtig heiß auf den original Schwarzwälder Kuckuck.
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In den Regalen daneben stehen Flaschen mit Himbeergeist, Obstbrand und Kirschwasser, von den Etiketten lächeln junge Frauen mit Bollenhut. In anderen Fächern liegen stückweise Schwarzwälder Schinken, vakuumverpackt, dazu ein zünftiges Schneidbrett und ein kleines scharfes Messer. Der weitere Nippes, die Elfenfiguren mit blauem Glitzer auf den Flügeln, Porzellan-Schäferhunde, Ritter im Kampf mit feuerspeienden Drachen, Keramikpuppen mit großen Augen und roten Wangen, liegen weiter hinten im Geschäft.
Denn das Top-Mitbringsel, zumal für ausländische Gäste, bleibt die Kuckucksuhr. 40 Prozent der 2500 verschiedenen Produkte, die bei "Uhren Brunner" in Titisee über die Theke gehen, sind Kuckucksuhren. Zwischen 49 und 4900 Euro geben Touristen aus China, Indien oder den USA für eine Wanduhr aus, die für sie so typisch ist für den Schwarzwald, für sie gar ein Symbol für Deutschland ist.
"In Wahrheit ist der Schwarzwald nicht zu trennen von den Klischees, die von ihm im Umlauf sind", schreibt der Kulturwissenschaftler Hans-Joachim Müller im Katalog des Freiburger Augustinermuseums zur Ausstellung "Unser Schwarzwald. Romantik und Wirklichkeit". Die Erfahrung, dass der Schwarzwald untrennbar mit Symbolen verbunden ist, macht Iris Bürklin in ihrem Beruf häufig. Sie arbeitet seit acht Jahren als freie Reiseführerin. Sie wird von Reiseunternehmen gebucht, die mit ihrer Gruppe nur einen Tag oder wenige Stunden im Schwarzwald unterwegs sind. "Einmal habe ich eine Tagestour mit Amerikanern zum Freilichtmuseum Vogtsbauernhof gemacht. Meine Touristen waren fröhlich, ich hatte das Gefühl sie hatten eine gute Zeit. Aber als es zurück in den Bus ging, waren sie entsetzt", sagt Bürklin. Der Tag im Schwarzwald war für sie nicht komplett. "Where are the coockoo clocks and where is the regional cake?", haben sie gefragt. Schwarzwald ohne Kuckucksuhr und Kirschtorte, das ist offenbar wie Paris ohne einen Blick auf den Eiffelturm. Die Tour wurde umgestellt. Von da an gab es weniger Zeit auf dem Bauernhof, dafür noch einen Abstecher ins Uhrenmuseum.
Auch deutsche Urlauber haben ihre Vorstellung vom Schwarzwald. Die Deutschen fragten oft nach Kultur und Landesgeschichte, sagt Bürklin. Oder nach schönen Wanderstrecken, manche nach dem Waldsterben, seit kurzem auch nach der Partei der Grünen und – nach der Schwarzwaldklinik. Professor Brinkmann und Oberschwester Hildegard haben mit 70 Folgen Fernsehheimatromantik Spuren im kollektiven Gedächtnis der Deutschen hinterlassen. Auch Binnentouristen sind auf der Suche nach dem für sie Typischen, wollen neben dem, was wirklich ist, auch das sehen, was sie sich unter dem Schwarzwald vorstellen.
Für Michael Kasprowitz sind die Symbole, die mit dem Schwarzwald verbunden sind, enorm wichtig. Er ist der Marketingleiter der Schwarzwald Touristik GmbH, auf der ganzen Welt auf Messen unterwegs, um den deutschen Südwesten als Reiseziel anzupreisen. "Unser Logo ist mit dem Bollenhut gekoppelt", sagt er. "Das steht für die Marke Schwarzwald und hat einen riesigen Wiedererkennungswert. Zusammen mit der Kuckucksuhr, der Kirschtorte und dem Schinken." Ein Symbol erfüllt in der Werbung seinen Zweck durch stereotype Vereinfachung, in Sekundenbruchteilen wird ein Image verkauft. Eine einmal eingeführte Marke funktioniert. Das ist beim Stern von Mercedes nicht anders als beim Schwarzwälder Bollenhut oder eben der Kuckucksuhr.
In Titisee versucht man den Touristen auch das zu geben, was sie schon vor ihrer Anreise vom Schwarzwald im Kopf haben. Die Sehnsucht nach Symbolen hat hier entlang der Uferpromenade eine 500 Meter lange Schwarzwald-Einkaufsstraße entstehen lassen. Vor den Souvenirläden hängen amerikanische, italienische oder französische Flaggen, als wollten sie ihre internationalen Gäste mit Staatsehren empfangen. Dazwischen Gasthäuser, die "Seeblick" oder "Bergsee" heißen, es gibt Sauerbraten mit Spätzle oder Fleischkäse mit Spiegelei. Daneben Cafés, Verkaufsschlager: die Schwarzwälder Kirschtorte. Auf dem See können die Touristen sich in gemieteten Booten von Damen in Tracht und Bollenhut begleiten lassen. Die Schwarzwald-Avenue, auf der das vermeintlich Originale verkauft wird, sei eine Retorte, sagt einer, der hier arbeitet, über die Uferpromenade. Drumherum lockt das authentische Idyll, der dunkle Bergsee, der dichte Tannenwald durchzogen von Wanderpfaden, die klare, saubere Luft.
2025 Menschen leben in Titisee, einem Ortsteil von Titisee-Neustadt. 2,1 Millionen Touristen aus der ganzen Welt kamen im vorigen Jahr hier her. Viele von ihnen nur für ein paar Stunden. "Früher gab es in jedem Kurort Souvenirläden. Das gibt es so kaum noch", sagt Alexander Brunner. Der Inhaber dreier großer Geschäfte in Titisee meint, dass sich der Handel mit den Schwarzwaldsouvenirs inzwischen stark ballt, zum Beispiel in Triberg oder eben in Titisee. "So gut wie jeder, der im Schwarzwald Urlaub macht, kommt hier vorbei. Manche sogar nur zum Einkaufen", sagt er. Der Erfolg der Uhren wundert ihn nicht. "Made in Germany, echte Handarbeit, das zählt für viele ausländische Touristen noch. Die Kuckucksuhr ist ein echtes Highlight." In seinen Geschäften gibt es eine Poststelle samt Versandservice für die Uhren – damit der Rückkehrer sein Mitbringsel direkt vorfindet. "Manchmal frag’ ich mich, ob nicht langsam jeder auf der Welt eine Kuckucksuhr hat", sagt er und schaut etwas ungläubig. Seine Geschäfte scheinen zu laufen.
Dass die Uhr ein Markenzeichen des badischen Mittelgebirges geworden ist, hat seinen Ursprung im 17. Jahrhundert. Um 1640 soll ein Handelsmann eine Waaguhr aus Böhmen von seinen Reisen mit in den Schwarzwald gebracht haben. Sie wurde auseinander- und aus Holz nachgebaut – die Geburtsstunde des Schwarzwälder Uhrmacherhandwerks. Es entstanden Uhrmacherhöfe, auf denen spezialisierte Handwerker die hölzernen Zeitmesser herstellten. Die tickenden Kästen wurden schon damals ins Ausland verkauft. Mit Krätzen, einem Tragwerkzeug aus Holz, das auf den Rücken geschnallt wird, wanderten Händler durch Europa und vertrieben die Chronometer. 1843 gab es nach einer Erhebung der Badischen Regierung 731 Uhrenhändler – und das nur in den Bereichen Triberg und Neustadt. Sie belieferten 23 Länder, mehr als 50 Prozent des Exports gingen nach Frankreich und Großbritannien. Um diese Zeit entwickelte sich "de la Forêt-Noire" oder "of Black Forest" zu einem Label, mit dem sich Geld verdienen ließ...
...und immer noch lässt. An der Uferpromenade in Titisee ist viel los. Gruppen von Rentnern in beigefarbenen Windjacken und Wanderschuhen flanieren neben Radtouristen in ihren manchmal zu engen, am Hintern gepolsterten schwarzen Thermo-Funktionshosen und windschnittigen blau-silbernen Radhelmen. Dazwischen drei Chinesen, die einander abwechselnd vor dem dreistöckigen Fachwerkhotel mit den roten Geranien auf dem dunkelgrünen Balkon fotografieren. Daneben, lauter, bunter und jünger, eine Gruppe von 20 amerikanischen Schülern. Sie reisen binnen neun Tagen durch Deutschland und haben es eilig. Nach dem Essen – es gibt tatsächlich Schweinsbratwürste mit Sauerkraut – geht es weiter nach Heidelberg.
Am Nachmittag, wenn die Busfahrer auf den Parkplätzen ihre Motoren wieder anwerfen, schleppen Ausflügler die Beweise, dass sie dagewesen sind, in Einkaufstüten zu ihren Bussen. Eine Inderin im traditionellen grauen Sari mit feinen Goldstickereien trägt schwer an einer verpackten Kuckucksuhr. Sie braucht beide Arme, die Verpackung ist unhandlich. "Ja", sagt Kumari Naik auf Englisch mit dem typischen indischen Akzent, "ja, das ist schon umständlich. Aber schicken lassen, das will ich lieber nicht. Das würden Sie verstehen, wenn Sie die indische Post kennen würden." Und als müsse sie dies unterstreichen, hält sie ihr Kleinod noch ein wenig fester.
Immerhin beweist die Frau aus dem Norden Delhis bei der Wahl ihres Souvenirs Ortskenntnis. Denn in Titisee hängen nicht nur Schinken, Uhren und Bollenhüte. Da sind auch Teddybären in Lederhosen und ein Fensterschmuck wie eine Laubsägearbeit. Er zeigt ein Bauernhaus, darunter steht "Oberammergau", ein Städtchen 90 Kilometer südlich von München.
Das Bild des maßkrugschwenkenden Bayern in Lederhosen, das in der Welt gerne als Stereotyp für alle Deutschen gebraucht wird, verkauft sich auch im Schwarzwald. "Viele Touristen, die nicht aus Deutschland kommen, wissen sehr wenig über die Region", sagt Reiseführerin Bürklin. "Ich wurde auf einer Tour durch den Schwarzwald schon mal von einem amerikanischen Gast gefragt, wann wir endlich zum Schloss Neuschwanstein kämen."
GUT ZU WISSEN: Schwarzwaldtourismus
Die ersten Touristen kamen gegen Ende des 18. Jahrhunderts in den Schwarzwald. Zunächst war der Südwesten vor allem für Adelige ein beliebtes Reiseziel. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entdeckte auch das Bürgertum auf seiner Suche nach aufklärerischer Bildung und romantischer Landschaft den Schwarzwald. Im Jahr 1816 erschien der erste Reiseführer, das "Handbuch für Reisende am Rhein von Schaffhausen bis Holland, in die schönsten anliegenden Gegenden und an die dortigen Heilquellen" von Alois Schreiber. Heute hat der Tourismus enorme wirtschaftliche
Bedeutung für den Schwarzwald. 6,5 Millionen Besucher kamen 2010. Der Bollenhut, das Werbesymbol für die Region, wird als Tracht eigentlich nur in drei Gemeinden getragen, nämlich in Gutach, Kirnbach und Reichenbach. Berühmtheit erlangte die Kopfbedeckung zunächst durch die Maler Wilhelm Haseman und Curt Liebich, die sich für den Erhalt des Brauchtums einsetzten und von den roten Farbtupfern im Schwarzwald fasziniert waren. Mit dem Film "Schwarzwaldmädel" von 1950 mit Sonja Ziemann in der Hauptrolle wurde der Bollenhut dann das Symbol für den ganzen Schwarzwald.
Autor: swo
Autor: Sebastian Wolfrum


