Freies Freiburger Theater

Die Immoralisten bringen Lenin auf die Bühne

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Fr, 10. August 2018 um 13:12 Uhr

Theater

Der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts lässt die Freiburger Theatermacher nicht los: Eine Vorschau auf die neue Theatersaison der Immoralisten.

Nach der Aufführung des von Manuel Kreitmeier und Florian Wetter geschriebenen Dramas "1914" im Herbst vor einem Jahr wollen die beiden kreativen Köpfe des freien Freiburger Theaters Mitte Oktober mit dem ebenfalls aus ihrer Feder stammenden Stück "1917" in die neue Saison starten. Im Mittelpunkt: Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nannte. Die weiteren beiden Stücke, traditionell ab Dezember und ab April im eigenen Haus im Stühlinger zu sehen, sind Romanbearbeitungen. Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" und Stefan Zweigs "Ungeduld des Herzens".

Inhaltliche Klammer der Spielzeit ist, so Kreitmeier und Wetter, der Gedanke, was aus Utopien erwächst.

"1917", bisher der Arbeitstitel, ist als Planspiel mit fünf Akteuren an einem Spieltisch gedacht: eine Art Russisches Roulette. Kreitmeier und Wetter wollen, ähnlich wie bei "1914", fiktive Szenen und historisch überlieferte Dialoge zusammenbinden – "die Dinge müssen dann für sich stehen", sagt Wetter. Die Theaterleiter bereiten sich durch akribisches Quellenstudium auf das Schreiben des Stücks vor – und wissen schon jetzt, dass ihren Blick auf den Revolutionsführer nicht alle Zuschauerinnen und Zuschauer teilen werden.

Lenin, der nach der Februarrevolution 1914 aus dem Exil in seine Heimat zurückkehrte, hat "alles demokratische Streben zerschlagen", sagt Kreitmeier. Es werde um den Totalitarismus in Russland gehen – und wie immer bei der Theaterarbeit der Immoralisten, wird es auch Wegweiser in die heutige Zeit geben.

Die Theaterfassung und der Soundtrack zum einzigen Roman des irischen Poeten und Bohemiens Oscar Wilde sind Florian Wetter ein Herzensanliegen. "Das Bildnis des Dorian Gray" erzählt die Geschichte eines reichen schönen Mannes, von dem ein Porträt gemalt wird, in das er sich selbst verliebt. In das gemalte Gesicht, nicht in sein tatsächliches, schreiben sich im Laufe der Geschichte Spuren von Alter und Charakterschwäche ein. Das Stück wird sich also mit Narzissmus und Jugendwahn, mit Spaßsucht und Oberflächlichkeit auseinandersetzen, mit der, so Wetter, heute weit verbreiteten "Supermarktmentalität, den eigenen Körper als Ware darzubieten und sich nur noch über diesen Körper zu definieren". Besetzt wird der Titelheld bei den Immoralisten mit einer Schauspielerin – Chris Meiser.

Das Frühjahrsstück dreht sich um Stefan Zweigs einzigen Roman "Ungeduld des Herzens", veröffentlicht 1939. Der österreichische Schriftsteller schildert darin die einseitige Liebe einer 17-Jährigen zu einem jungen Leutnant. Dieser, Hofmiller, bringt ihr lediglich "das schwachmütige und sentimentale Mitleid, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist", entgegen. Daran zerbricht die junge Frau. Manuel Kreitmeier sieht im Stück ein Plädoyer für Humanismus in Zeiten emotionaler Korruption und eine gerade Linie auch zu unserer Zeit, in der echte Anteilnahme zum Wohle eines Menschen, der der Hilfe bedarf, oft mit Mitleid aus Sentimentalität verwechselt wird.

Bis zum 8. September spielen die Immoralisten noch ihr Freiluftstück "Unterm Birnbaum" nach Theodor Fontane. Weitere Infos unter: http://www.immoralisten.de