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30. November 2016

Zutiefst berührend: "Lady Macbeth von Mzensk" in München

Harry Kupfer inszeniert, Kirill Petrenko dirigiert "Lady Macbeth von Mzensk" in München.

  1. Düsternis herrscht – auch in der Hochzeitsszene. Foto: Wilfried Hösl

  2. Kirill Petrenko Foto: AFP

Ein f-Moll-Akkord, vom Piano ins vierfache Forte gebrüllt – wie ein letztes Ausrufezeichen. Das Ende von Dmitri Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" kennt keinen Trost. Kirill Petrenko lässt das Bayerische Staatsorchester hier nochmals von null auf hundert beschleunigen, ehe der Klangkörper eine beeindruckende Vollbremsung hinlegt. Der dramatische Himmel und das dunkle Wasser, das Thomas Reimer (Video) in Harry Kupfers realistischer, bildstarker Inszenierung auf die Bühnenwand projiziert, verstärken noch den finsteren Ausgang des Dramas. Hier hat sich kurz zuvor die unglückliche Protagonistin Katerina Ismailowa das Leben genommen und beim Sprung in den Tod noch ihre Nebenbuhlerin Sonjetka (kraftvoll und dunkel: Anna Lapkovskaja) mitgerissen. Ein kaputtes Leben – bedrängt von einer verlogenen Gesellschaft, gefährdet von Barbarei und Gewalt.

Die Täterin, die den Schwiegervater und ihren Ehemann getötet hat, erscheint als Opfer ihrer hoffnungslosen Lebensumstände. So wollte es Schostakowitsch verstanden wissen, so inszeniert es auch Altmeister Harry Kupfer. Und so spielt und singt es Anja Kampe, die der verletzten Frau Würde schenkt. Die mit ihrem vielschichtigen, raumgreifenden Sopran in den vielen lyrischen Passagen Seelenräume durchmisst. Und die genügend Tiefe hat, um auch den erschütternden Klagen dieser leidenschaftlichen, am Ende völlig desillusionierten Kaufmannsgattin Ausdruck zu verleihen.

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Den größten Beifall erhält aber wieder einmal Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Viermal schon wurde er vom Fachmagazin Opernwelt zum Dirigenten des Jahres gewählt. Entgegen vieler anderslautender Meldungen war der Russe die erste Wahl der Berliner Philharmoniker für die Nachfolge Simon Rattles. Man musste den scheuen, gewissenhaften, mitunter skrupulösen Dirigenten nur noch vom neuen schillernden Amt überzeugen – deshalb brauchte es einen zweiten Wahlgang. Als Chefdirigent steht er den Berlinern erst im August 2019 zur Verfügung. Am 8. April 2017 ist Petrenko jedoch schon im Festspielhaus Baden-Baden bei den Osterfestspielen am Pult seines künftigen Orchesters zu erleben.

Was macht ihn nun aus als Dirigenten? Kirill Petrenko verbindet Detailbesessenheit mit Sinn fürs große Ganze. Man kann sich vorstellen, wie oft er geprobt hat, bis er bei dieser Produktion die Schläge der großen Trommel so dumpf und unheimlich hatte, wie sie aus dem Münchner Orchestergraben klingen, als sich im ersten Akt der Schwiegervater Boris ankündigt. Ob raunende Kontrabässe, schneidende Trompeten, grotesk-hysterische Klarinetten – Töne erscheinen als Charaktere, Streicherakkorde als Gefühlszustände. Nach einer gewissen Anlaufzeit zeichnet das Bayerische Staatsorchester die Konturen immer klarer, auch wenn gerade bei den Bläsern noch nicht alles sitzt.

Von Beginn an hält Petrenko die mal hochexpressive, mal sarkastisch zugespitzte Musik Schostakowitschs am Köcheln. Die Temperatur wird von ihm stets neu dosiert. Zum ersten Mal setzt er die Orchester- und Chormaschine bei der Vergewaltigung der Köchin Axinja (Heike Grötzinger) im zweiten Bild des ersten Aktes in Gang, um aber gleich nach der Eskalation das Geschehen wieder zu beruhigen. Auch die bekannte Sexszene mit Katerina und ihrem derben Liebhaber Sergej, in der Schostakowitsch den immer ekstatischer werdenden Geschlechtsakt mit atemlosen Blechbläsern illustriert, hat unter Petrenko den perfekten Spannungsbogen inklusive ermatteter Posaunenglissandi und langer Verschnaufpausen am Ende. Je mehr im Orchestergraben passiert, desto kleiner und ruhiger werden seine Bewegungen.

Die erhitzten Zirkusmärsche, Schnellpolkas und Walzer dirigiert Petrenko meist in Ganzen oder Halben. Er schlägt nicht penibel den Takt, sondern lässt alle Beteiligten selbst den Puls spüren und verzahnt damit Chor, Orchester und Solisten eng miteinander. Und wenn mal ein Sänger schleppt wie Kevin Conners (Der Schäbige), dann reagiert er sofort mit seiner Linken und bringt das komplexe Gefüge wieder ins Lot.

Gespielt wird an der Bayerischen Staatsoper die rekonstruierte, früheste Fassung von 1934: sowohl inhaltlich als auch musikalisch die radikalste, roheste. Auch wenn Kupfers Inszenierung etwas altväterlich ist, schafft sie gerade durch ihre genaue Personenführung intensive Momente. Die heruntergekommene, mit Ruß überzogene Fabrikhalle von Bühnenbildner Hans Schavernoch steht für die marode Gesellschaft (Kostüme: Yan Tax). Selbst das Schlafzimmer ist unbehaust. Misha Didyk ist ein solider, etwas farbloser Sergej. Anatoli Kotscherga fehlt es am nötigen Fundament und an darstellerischer Präsenz, um dem schmierig-brutalen Schwiegervater Boris das notwendige Grauen zu verleihen. In der Tiefe ist er kaum zu hören, obwohl Petrenko das Orchester extrem zurücknimmt. Überhaupt setzt der Dirigent auf Nuancen statt allzu greller Effekte. Selbst im stärksten Fortissimo klingen Chor (Einstudierung: Sören Eckhoff) und Orchester noch. Das macht diese "Lady Macbeth von Mzensk" so mehrdimensional und am Ende auch tief berührend.

Weitere Vorstellungen: 1., 4., 8., 11.12., Infos unter http://www.staatsoper.de Die Vorstellung vom 4.12. wird ab 19 Uhr auf http://www.staatsoper.de/tv kostenlos übertragen.

Autor: Georg Rudiger