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16. Januar 2011 18:57 Uhr

Wedekinds "Frühlingserwachen" am Theater Basel

Herbsterwachen im Seniorenheim

Elias Perrig hat Frank Wedekinds Kindertragödie "Frühlingserwachen" am Theater Basel auf alte und ziemliche wacklige Füße gestellt. Am Text musste gar nicht einmal viel geändert werden. Ein interessantes Experiment, aber es funktioniert nicht.

  1. Im Joch ihres Johannistriebs: Szene mit Nikola Weisse und Jörg Schröder Foto: Schlosser

Der demographische Wandel fordert auch im Theater ein radikales Umdenken. Elias Perrig hat in Basel schon mal angefangen damit und Frank Wedekinds "Frühlingserwachen" vom Kopf neu auf alte und ziemlich wacklige Füße gestellt, genauer gesagt: auf Stützstrümpfe, Krücken und Rollatoren. Martha und Wendla, Moritz und Melchior sind keine unzureichend aufgeklärten Jugendlichen im ersten Hormonsturm der Pubertät, sondern Altenheimbewohner im zweiten Frühling. Die lieb- und verständnislosen Eltern werden jetzt von den Kindern gespielt; die autoritären Lehrer, die einst die Schüler durch Psychoterror in Sexualnot, Verzweiflung und Selbstmord trieben, sind in Basel Ärzte und Altenpfleger, die sich hinter medizinischen Diagnosen und Diätvorschriften verschanzen.

Am Text hat Perrig nicht einmal viel ändern müssen. Die Schule wird einfach durch Gedächtnistraining und Seniorenstudium ersetzt, das Erziehungsheim durch Pflegestation; wo der junge Moritz seinen Freund Melchior fragt, ob er auch schon "männliche Regungen" verspürt habe, heißt es beim alten Moritz jetzt: noch. Natürlich beschädigen die Umdeutungen und Streichungen die Statik des Stücks: Ein Versagen beim Gehirnjogging hat wohl kaum so katastrophale Folgen wie ein Schulverweis für einen labilen Jugendlichen; die erzwungene Abtreibung, an der die 14-jährige Wendla zerbricht, ist etwas anderes als die Scheinschwangerschaft einer Dementen. Aber einiges bleibt doch auch im Altenheim beim Alten. Wie die junge Wendla will auch die alte (Nikola Weisse spielt sie wunderbar ungerührt-kokett im rosaroten Petticoat) kurze Röckchen tragen, wie das schwule Hänschen träumt auch Hans immer noch vom Coming out im Weinberg (in Basel ist sein Freund pikanterweise Oberarzt Dr.Prokrustes), und noch immer fragt Moritz, "wozu wir eigentlich auf der Welt sind".

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Radikal verändert hat sich indes der Kontext des Stückes, in dem der junge Wedekind 1890 eigene Erfahrungen mit der schwarzen Pädagogik und prüden Sexualmoral seiner Zeit (zwei seiner Mitschüler begingen Selbstmord) verarbeitete. Vor hundert Jahren war das Stück ein Skandal, eine "unerhörte Unflätigkeit"; erst 1906 konnte eine zensierte Fassung durch Max Reinhardt uraufgeführt werden. Heute hat sich seine Provokationskraft weitgehend erschöpft. Restlos aufgeklärt durch Bravo-Doktor Sommer oder auch Internet-Pornos, glaubt kein Mädchen mehr an den Storch, und kaum ein jugendlicher Selbstbeflecker fürchtet noch Gott und Rückenmarkserweichung. "Frühlingserwachen" wird heute fast nur noch von Jugendtheatern gespielt; in der Regel zeitgemäß verpoppt und aufgepeppt (wie zuletzt die ZDF-Verfilmung durch Nuran David Calis) oder gleich als Broadway-Musical.

Perrig wollte Wedekind nicht durch vordergründige Aktualisierungen retten, sondern durch eine radikale Frischzellenkur. Allerdings besteht beim Sex wie auf der Bühne ein kleiner Unterschied zwischen Noch nicht und Nicht mehr, zwischen jugendlichem Hoffen und Bangen und müder, schlaffer Resignation. Und was alte Schauspieler an Erfahrung und Tiefe dazugewinnen, geht ihnen an Unschuld verloren: Urs Bihler etwa zelebriert Moritz’ Weltschmerz, als wär"s ein Hamlet-Monolog. Mag sein, dass das Stück neue poetische Qualitäten offenbart, wenn man es nicht mehr als Drama pubertärer Verwirrung liest, aber es büßte auch viel von seiner Frische und vibrierenden Vitalität ein. Vor allem wenn man es so behäbig und bieder inszeniert wie Perrig. Naturalistisch ernst genommen und gut gemeint sediert, sieht Wedekinds antinaturalistische Groteske doch ziemlich alt aus und am Ende sogar wie ein sentimentales Mysterienspiel.

Ähnlich wie Andreas Dresen in seinem Film "Wolke neun", wollte Perrig das Thema "Sex im Alter" mutig enttabuisieren. Nikola Weisse und Jörg Schröder entblößen sich im Halbdunkel denn auch sehr anrührend, aber so genau will man eigentlich doch nicht sehen, wie welkes Fleisch klatscht und stöhnt. Schrullige Alte im Joch ihres Johannistriebs sind im Theater immer noch lächerliche, wenn nicht peinliche Figuren. Wedekind nannte sein Stück "Kindertragödie", aber er beklagte sich auch, dass man vor lauter Pornografieverdacht seinen Humor nicht verstanden hätte.

In Basel gibt es einige schöne, komische Szenen in dem Altersheim, das Beate Fassnacht aus Linoleoum, Gesundheitslatschen und Pressspan realistisch gebaut hat. Das gemeinsame Volksliedersingen mit dem klampfenden Zivi, die Sitzgymnastik mit Medizinbällen, überhaupt die kleinen Eitelkeiten und Bosheiten der Senioren sind nicht schlecht getroffen. Aber es wird nie recht klar, warum die Alten ständig Griechisch und Goethe pauken und um welcher Vergehen willen sie von Oberarzt-Karikaturen in nackte Verzweiflung und Selbstmord getrieben werden. Im Alter, heißt es, wird man wieder kindisch, aber doch wohl eher sabbernder Säugling als ungestüm pubertierender Jüngling. Perrigs Herbsterwachen ist ein interessantes Experiment, aber es funktioniert nicht.
– Weitere Aufführungen am Basler Schauspielhaus: heute und 19., 24., 25., 27., 29. Januar. Tel. 0041/61/2951133.

Autor: Martin Halter