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23. Februar 2014 16:51 Uhr

Theater Freiburg

"Tannhäuser"-Premiere: Opernsänger trotzt schwerer Erkältung

Denkwürdige Premiere im Theater Freiburg: Tenor Christian Voigt kämpft sich trotz schwerer Erkältung und angegriffener Stimme durch Wagners "Tannhäuser" – und lässt das Publikum staunen.

  1. Das Weib lockt: (v.l.) Elisabeth (Anna Nechaeva), Tannhäuser (Christian Voigt), Venus (Viktória Mester) Foto: Korbel

"…und um Erlösung aus den heißen Bande/ rief ich ihn an, von wildem Schmerz durchwühlt": Hat man schon einmal so mit Tannhäuser mitgelitten – physisch mitgelitten? Hat man die furchtbare Klage über die vergebliche Pilgerfahrt nach Rom des nach Erlösung flehenden Helden, die schon in der Gedichtsammlung "Des Knaben Wunderhorn" überliefert ist, so plastisch, so schmerzhaft vernommen? Was Christian Voigt an diesem Freiburger Premierenabend sich und seiner Stimme zumutet, ist ein Purgatorium, schlimmer, als Richard Wagner es für seine romantische Opernfigur erdacht hat.

Die Titelfigur repräsentiert das Prinzip Mann

Voigt steht seinen Tannhäuser schwer erkältet durch, drei Akte lang. Im ersten Aufzug zeigt er in den Venusberg-Preisliedern noch ganz viel von der stupenden technischen Disposition seines weiter ins Heldische gewachsenen Tenors: sicher im Ansatz, gerade auch in der Höhe, viril in der Stimmfarbe und ungemein klar in der Artikulation. Was folgt ist im Finale des zweiten Akts und im dritten Akt bei der erwähnten Rom-Erzählung die krankheitsbedingte fortschreitende Demontage seiner Stimme. Denn Voigt schenkt sich nichts, markiert kaum, sucht sogar dort zu forcieren, wo die Stimmbänder eigentlich der Schonung bedürften. Das Premierenpublikum im ausverkauften Großen Haus des Stadttheaters dankt es ihm mit einem – allein ob des Einsatzes – verdienten Bravokonzert.

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Im Grunde korreliert dieser vokale Dualismus, wenn auch unfreiwillig, mit Eva-Maria Höckmayrs szenischer "Tannhäuser"-Deutung. Bei ihr ist die Titelfigur nicht nur Suchender, nicht nur Metapher für den vom glühenden Wagner-Verehrer Charles Baudelaire konstatierten Kampf der Prinzipien Fleisch und Geist. Sie repräsentiert das Prinzip Mann, dessen sexuelles Begehren, frei nach Erich Fromm, ebenso von Eitelkeit wie Einsamkeit angetrieben wird. Höckmayrs Tannhäuser ist der männliche Phänotypus, der Frauen nur auf die Pole Hure und Heilige reduziert und immer nach dem sucht, das er gerade nicht hat. Zeitweise bekommt die Figur deshalb ein stummes Alter ego (Eduard Martens), aber die Idee wirkt nicht stringent durchkomponiert.

Von Anfang an verschmelzen die Kontraste

Denn von Anfang an verschmelzen die Kontraste. Die Geschichte wird aus der Retrospektive erzählt – als Tannhäuser bereits vom Bann des Papstes getroffen ist. Bei Höckmayr ist der Venusberg eine Phantasmagorie, kein paradis artificiel, sondern ein virtuelles Gedankenkonstrukt, in dem sich bigotte – christlich-katholische – Glaubensrituale mit lüsterner Erotik und Geilheit in ekstatischen Zuckungen (Videos: Valentin Felber) verschränken: die gekreuzigte Frau, die Madonna mit nackten Brüsten – und Wagners Göttin Venus, die aus dem Beichtstuhl(!) heraus fragt: "Geliebter, sag‘, wo weilt dein Sinn?"

Ja wo weilt er bloß? Meist wohl bei seinen Frauen-Projektionen, weshalb Höckmayr die beiden Frauen-Antipoden Venus und Elisabeth dialektisch zu verschränken sucht. Beide sind, um mit Baudelaire zu sprechen, Fleisch, beide sind Geist, beide sind weniger Antipoden, als dass sie sich viel mehr gegenseitig bedingen, was sich besonders im letzten Akt zeigt. Da lässt die Regie, wie genial, beim Lied Wolframs an den Abendstern just diesen in persona auftreten: Venus. Wolfram behält ihren, natürlich, roten Mantel, er wird sich aus dem "Halleluja-" und "Heils"-Rufe-Finale diskret damit zurückziehen. Das ewig Männliche…

Fabrice Bollon dreht virtuos an den Stellschrauben der Partitur

Leider funktioniert die Inszenierung in der praktischen Auslegung nicht immer so wie im theoretischen Überbau. Das Einheitsraum-Halbrund von Bühnenbildnerin Nina von Essen, das sowohl Venusberg wie auch Wartburgsaal sein soll, trägt in seiner Beton-Tristesse nicht drei Akte hindurch; auch Julia Rösler berührt mit ihren Kostümen zu sehr Klischees. Gewiss, die Minnesänger mit ihren Dandy-Frisuren und ihren pseudoliberalen Intellektuellen-Outfits amüsieren, aber das Grau in Grau der Wartburg-Gesellschaft rekrutiert sich zu sehr aus Schwarz-Weiß-Malerei. Mitunter scheint die Regie ihren – klugen – Ideen nicht genug zu trauen, gerade wenn sie bei den rein orchestralen Passagen (Ouvertüre, Vorspiel dritter Akt) ein wenig zu redundant wird. Dort, wo sie dagegen nur andeutet, zeigt Höckmayr ihre Stärken: zum Beispiel in der Tiefenschärfe, die sie dem Sängerkrieg angedeihen lässt. Da sitzt Heinrich der Schreiber (Shinsuke Nishioka) im Kabüffchen, das zuvor noch Beichtstuhl war, und führt Strichliste bei den einzelnen Gesangsbeiträgen: "Ein saures Amt…" – Merker Beckmesser aus den "Meistersingern" lässt grüßen.

Kein saures Amt für den Merker als Musikkritiker. Fabrice Bollon dreht virtuos an den Stellschrauben der Partitur zwischen den Polen Detailschärfe und Orgiastik. Aber selbst in der Orchesterekstase – die Akte eins und drei basieren mit leichten Strichen (Jagdmusik) auf der späteren, selten gespielten Pariser/Wiener Fassung der Oper – gelingt dem fabelhaften Philharmonischen Orchester hohe Detailschärfe. Die Chromatiken im Bacchanal verschwimmen nicht, überhaupt, die Bläsersätze sind von exzellent-transparenter und ganz weicher Faktur (Hörner, Holzbläser), wie man sie so aus dem Bayreuther Festspielhaus gewohnt ist; und der Klangteppich der Streicher suggeriert mehr Raumklang, als Orchestergraben-bedingt möglich ist. Fantastisch auch, wie Bollon den gesamten Apparat auf ein apartes piano zurückfahren kann, etwa im herrlichen Sextett im ersten Akt. Aber auch die Klangfülle kommt zu ihrem Recht, die Pilgerchorapotheose am Ende bringt das ausverkaufte Haus zum Beben. Denn die von Bernhard Moncado einstudierten Chöre haben Fülle und Dichte, und das bei ganz wenig Tremolo. Auch der Kinder- und Jugendchor (Thomas Schmieger) agiert sehr homogen.

Ein Fall für Bayreuth

Überhaupt: Das vokale Niveau dieses "Tannhäuser" ist staunenswert. Die Venus ist in dieser Fassung ähnlich der "Parsifal"-Kundry gefordert: Viktória Mesters gibt sie mit sinnlichem, weichem Mezzosopran, ausgeglichen in den Lagen. Oder Anna Nechaevas Elisabeth: kraftvoll, hell im Timbre. Allerdings neigt die Russin manchmal zum Forcieren, was angesichts ihres Stimmapparates nicht nötig wäre und zu kleinen Intonationstrübungen führt. Alejandro Lárraga Schleske gestaltet die Wolfram-Partie mit belkantistischem Ansatz, manche Phrasen geraten ihm zu scharf, dennoch: Sein "Abendstern"-Lied berührt mit einer Prise Italianità. Jin Seok Lee singt einen jugendlichen Landgrafen – markant und deutlich strukturiert. Roberto Gionfriddo (Walther) und Neal Schwantes (Biterolf) setzen bei den Minnesängern Akzente.

Das letzte Wort aber gebührt David Rother: Der Calwer Aurelius-Sängerknabe setzt Maßstäbe mit seiner klanglich wie intonatorisch reifen, unverbrauchten Interpretation der Hirtenverse (im Dialog mit dem dezenten Englischhorn). Ein Fall für Bayreuth…

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  • Weitere Aufführungen: 28. Februar; 6., 15., 20., 23. März, jeweils 18 Uhr. Tickets: Tel. 0761/496 8888.

Autor: Alexander Dick