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27. Oktober 2012

Verstörend, beängstigend – aber die Realität

"Blut muss fließen": Peter Ohlendorfs Undercover-Dokumentation über Neonazis in Europa wurde in Freiburg gezeigt.

  1. Film: Blut muss fließen, Screenshot Foto: Ohlendorf

"Blut muss fließen, knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik" – so heißt es in einem Lied der Rechtsrock-Band Tonstörung. Dieses Lied ist ein Schlager unter Neonazis und wird damit zum Titel einer Dokumentation, die geradezu verstörende Bilder zeigt: Neonazis auf geheimen Rechtsrock-Konzerten, den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben und zu Liedern, wie dem zitierten oder schlimmeren, beim Pogotanz mit nacktem Oberkörper gegeneinander springend, grölend, trinkend – ungestört unter ihresgleichen.

Spätestens seit Bekanntwerden des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) sollte klar sein, dass auch heute noch mehr rechtes Gedankengut in unserer Gesellschaft schlummert, als einem lieb sein kann. Um welches Ausmaß es sich wirklich handelt, das zeigt Peter Ohlendorfs Dokumentation "Blut muss fließen". Fünfzehn Jahre lang hat ein Journalist mit falschem Namen und falscher Biografie glatzköpfig, mit Bomberjacke und Springerstiefeln verkleidet, im rechten Milieu recherchiert. 2003 hat er sich bei einem geheimen Konzert der Band "Noie Werte" im Elsass zum ersten Mal getraut, mit einer versteckten Knopflochkamera zu filmen. 90 Undercover-Drehs im rechtsextremen Milieu hat Thomas Kuban, das ist das Pseudonym dieses Journalisten, bis heute absolviert.

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Der Freiburger Dokumentarfilmer Peter Ohlendorf hat Kubans Material zu dem Film verarbeitet, der im Februar bei der Berlinale und am Donnerstag in der Katholischen Akademie in Freiburg vor knapp 300 Zuschauern gezeigt wurde.

Der Film beginnt mit einer Pressekonferenz des bayrischen Innenministeriums und einer Bundespressekonferenz im Jahr 2007. Bei beiden Veranstaltungen geht es auch um Rechtsextremismus. Exemplarisch: Der Journalist neben Kuban malt lieber auf seinem Block, als den Ausführungen des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble über die Gefahr von rechts zuzuhören. Erst als es um islamistische Terroristen geht, steigt die Aufmerksamkeit. "Ich bin erschrocken, wie der islamistische Terror so groß gemacht wurde und wie gerade in Anbetracht unserer Geschichte das Thema Neonazis einfach nicht interessiert", klagt Peter Ohlendorf.

Die folgenden 80 Minuten zeigen Rechtsrock-Konzerte in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien und Ungarn – mal in weit abgelegenen halb zerfallenen Gebäuden, mal in Großraumdiskotheken, mal in Hinterzimmern von gutbürgerlichen Wirtsstuben. Besonders erschreckend ist eine Szene bei dem österreichischen Konzert. Vor Beginn befinden sich Polizisten in der Kneipe. Sie scherzen mit den Neonazis, Hände werden geschüttelt und dann, kurz vor Auftritt der ersten Band, verschwinden sie. Die Neonazis bleiben ungestört. Seit der Berlinale tourt Ohlendorf durch ganz Deutschland. Im Fernsehen wurde der Film bislang nicht gezeigt. "Schon während der Produktion haben wir versucht, den Film bei öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten unterzubringen. Es gab nur Absagen. Auch jetzt ist es nicht besser. Bei Arte haben wir uns den Mund fusslig geredet", meint Ohlendorf.

Aus der Pressestelle von Arte heißt es, dass man sich grundsätzlich nicht äußern müsse, wenn man sich gegen einen Film entscheide. Die Programmdirektion des Ersten Deutschen Fernsehens gibt an, "dass der Dokumentarfilm von Herrn Ohlendorf nicht Gegenstand von Diskussionen bei uns in der Programmdirektion oder der ARD-Koordination Politik gewesen ist." Gründe, warum der Film nicht gezeigt wird, sind das nicht. Ankreiden könnte man dem Film, dass er zwar sehr in die Breite geht, man aber wenig über die Hintergründe der Neonazis erfährt – wer zum Beispiel die Konzerte organisiert.

Nichtsdestotrotz ist "Blut muss fließen" ein erschreckendes Zeugnis dafür, wie aktiv die rechte Szene in ganz Europa eigentlich ist.
–  Buch: Thomas Kuban: Blut muss fließen. Campus Verlag, Frankfurt a.M., 2012. 316 Seiten, 19,99 Euro.  Der Film wird am 1. und 2. November bei den Biberacher Filmfestspielen gezeigt, am 22. Januar 2013 erneut in Freiburg.

Autor: Julia Flüs