Vier Stunden Für und Wider

Yvonne Weik und Joachim Röderer

Von Yvonne Weik & Joachim Röderer

Do, 20. November 2014

Freiburg

Vor dem Grundsatzbeschluss zum neuen SC-Stadion gab es kontroverse Debatten im Gemeinderat.

Der Gemeinderat hat Position bezogen und mit 33 zu 10 Stimmen für ein neues Stadion am Standort Wolfswinkel votiert. Gleichzeitig wurde der Bürgerentscheid am 1. Februar auf den Weg gebracht. Zuvor hatte das Stadtparlament vier Stunden lang über die Stadionfrage diskutiert. Es gibt im Prinzip drei Lager: Die große Mehrheit glaubt, den richtigen Standort und das richtige Finanzkonzept gefunden zu haben. Andere Gemeinderäte befürworten den Standort, halten aber die Kosten für zu hoch. Die dritte Gruppe sagt Nein zum Standort und zu den Kosten.

Das erste Wort in der Debatte lag bei Oberbürgermeister Dieter Salomon, der sich sozusagen als Anführer der quer durchs Stadtparlament reichenden Pro-Stadion-Fraktion leidenschaftlich für den SC und die neue Arena ins Zeug legte. Er sprach vom SC als den "am besten geführten Sportverein", vom Vertrauen, das er in den Club habe. Kürzungsrunden an anderer Stelle werde es wegen des 110 Millionen Euro teuren Stadions nicht geben, versprach er hoch und heilig. 37 Jahre schon spiele der SC in der Ersten oder Zweiten Liga und habe bewiesen, dass er dauerhaft Profifußball liefern könne. Und die hohen Kosten von 38 Millionen für die Infrastruktur? "Das ist gut ausgegebenes Geld, denn davon profitieren auch die Universität und die Messe", so Salomon. Überhaupt die Ausgaben, wo doch gar nicht alle Freiburger zum Fußball gehen: Aber auch für das Theater wende die Stadt pro Jahr 14 Millionen Euro auf, weitere hohe Summen fürs Augustinermuseum, für Bäder oder die Stadtbibliothek. Auch diese Einrichtung nutze nur ein Teil der Bürger. "Eine Stadt besteht aus Dingen, die einer Minderheit Spaß machen und die von einer Mehrheit finanziert werden müssen."

Die weiteren Befürworter sekundierten mit weiteren Argumenten: Die Grünen-Fraktionschefin Maria Viethen sieht im Wolfswinkel den idealen Standort – auch, weil er zur Fuß oder mit dem Rad erreichbar sei. Auch sie lobte den Verein: "Für eine Stadt wie Freiburg ist ein Bundesligist wie der SC wie ein Sechser im Lotto." Nur wenn der SC weiter wettbewerbsfähig sei, könne er wirtschaftliche und soziale Leistungen erbringen, gab Wendelin von Kageneck (CDU) zu bedenken. Er lobte den SC-Eigenanteil von 15 bis 20 Millionen Euro. Für Renate Buchen (SPD) schloss sich an diesem Abend mit dem Beschluss ein Kreis: Schließlich habe 1928 der SC Freiburg sein erstes eigenes Stadion auf dem heutigen Flugplatzareal bekommen. Sergio Schmidt (Junges Freiburg) umschrieb die Bedeutung des SC für Freiburg anhand eines Beispiels: "Ich war noch nie in Dortmund, ich bin kein Fußballfan, aber das Einzige, was ich von Dortmund kenne, ist das Stadion."

Stefan Schillinger (SPD) sagte, er verstehe, dass der SC ein neues Stadion braucht, lehnt aber den Standort ab. "Das Verkehrsproblem wird lediglich von A nach B verlagert", prophezeite er. Die Magerrasen-Verlegung sei eine Mogelpackung, dass das Stadion nicht zu Lasten anderer Projekte geht, will er nicht glauben. Und mit Blick auf die anstehenden Etatberatungen fügte er hinzu: "Ich empfinde es als ungut, dass die Verwaltung heute ein Ja haben will, aber erst am 16. Dezember den Haushalt vorlegt."

Krawczyk: "Das Stadion

scheitert vor Gericht"

Michael Moos (Unabhängige Listen) hält die neue Arena für notwendig, weil der SC nur so mittel- und langfristig eine Perspektive bekomme. "Bei Ihren Ausführungen vermisse ich, was Sie nun mit dem SC machen wollen, wenn Sie gegen das Stadion stimmen", sagte Moos zu seinem Vorredner Schillinger. Aber auch bei der UL gibt es zwei bis drei unterschiedliche Meinungen, die Lothar Schuchmann und Hendrijk Guzzoni artikulierten. Fraktionschef Moos kündigte schon einmal an, dass sich die UL an das Ergebnis des Bürgerentscheids halten werden – unabhängig davon, ob das Quorum, also die notwendige Mindestzahl an Stimmen, erreicht wird.

Die deutlichsten Gegenargumente kamen – nicht ganz unerwartet – von der Fraktion Freiburg lebenswert/ Für Freiburg (FL/FF). Wolf-Dieter Winkler ging gleich frontal die stärkste Fraktion im Rat an: "Dass Sie als Grüne ein Verkehrskonzept mit mehr als 2000 Stellplätzen mittragen – damit haben Sie in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal." Und die CDU fragte er: "Wo bleibt Ihr Masterplan?" Winkler sprach von geschönten Kostenberechnungen, die Sitzungsvorlage verschweige die Risiken des Stadion-Deals. Das Gesamtprojekt bedeute für die Stadt trotz der Pachtzahlungen ein Minus von 50 bis 96 Millionen Euro – je nach Ligazugehörigkeit des SC. Von den Stadionstandortgegnern auf der Empore gab es Beifall, von FW-Stadtrat Johannes Gröger kam gleich heftiges Kontra für Winkler. Karl-Heinz Krawczyk sprang seinem Kollegen zur Seite: "Die Mehrheit im Gemeinderat ist beratungsresistent und ignoriert harte Fakten." Er prophezeite: Der Standort werde vor Gericht scheitern. Der Beschluss sei ein schwarzer Tag für den Luftsport in Freiburg, weil das Stadion die Segelflieger und Fallschirmsportler vertreibe.

An den aus seiner Sicht zu hohen Kosten rieb sich FDP-Rat Patrick Evers. Er warf zudem dem SC mangelnde Transparenz bei den Finanzen vor. Der Gemeinderat solle einer Kommunalbürgschaft zustimmen, ohne die Solvenz des Vereins zu kennen. Evers forderte eine höhere finanzielle Beteiligung des SC. Und er kritisierte, dass es noch keine Zusage für den Zuschuss vom Land gebe. Wegen der Vorteile für die Uni müsse dieser höher ausfallen als die elf Millionen Euro, die der Karlsruher SC für sein Stadion bekommt. "Ich verstehe nicht, warum unser OB bei dem grünen Ministerpräsidenten in dieser Sache so schüchtern ist."