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05. Dezember 2015

Wieder wird ein Pipeline-Projekt begraben

Lange hatte der russische Erdgasriese Gazprom von engen Beziehungen zum Kreml profitiert – jetzt leiden die Geschäfte darunter.

  1. Staatsnähe: Gazprom-Logo vor dem russischen Regierungssitz Foto: AFP

FREIBURG. Für den russischen Gasgiganten Gazprom reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Dass angesichts des Zerwürfnisses zwischen Russland und der Türkei die Gespräche zum Bau der geplanten Gaspipeline Turkish Stream ausgesetzt wurden, wie Russlands Energieminister Alexander Nowak am Donnerstag bestätigte, hat zwar niemanden überrascht. "Turkish Stream ist tot", befand schon nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die Türkei Ende November John Lough, Energieexperte der Londoner Consulting-Firma BGR Gabara. Doch für Gazprom droht damit einmal mehr ein vom Kreml aus geopolitischen Gründen vorangetriebenes Projekt zum Rohrkrepierer zu werden.

Wie immer, wenn es um Transitrouten für russisches Erdgas geht, ging es bei Turkish Stream auch um Politik. Erst vor einem Jahr hatte Präsident Wladimir Putin das Projekt bei einem Besuch in Ankara angeschoben. Damals galt die Türkei in Moskau noch als Wachstumsmarkt und strategischer Partner. Turkish Stream sollte das zuvor am Widerstand der EU-Kommission gescheiterte Pipeline-Projekt South Stream ersetzen, mit dem Russland durch das Schwarze Meer Erdgas nach Bulgarien und Südeuropa strömen lassen wollte. Die neue Route ging durch die Türkei nach Griechenland. Doch so, wie South Stream ein Opfer der Ukrainekrise wurde, scheitert Turkish Stream nun am Zwist mit Ankara.

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Auf den ersten Blick ist das für Gazprom kein großer Verlust. Schon im Oktober – also lange vor dem Abschuss eines russischen Bombers durch die Türkei – waren die Pläne für Turkish Stream zusammengestrichen worden. Statt vier Stränge sollten nur noch zwei gebaut werden – als Grund wurden neue Pläne zum Ausbau der mit westeuropäischen Partnern betriebenen Ostseepipeline Nord Stream nach Deutschland genannt.

Auch rechnen Kritiker vor, dass es sich angesichts der hohen Kosten und der niedrigen Gaspreise aktuell für Gazprom kaum lohnt, überhaupt neue Pipelines nach Europa zu bauen. Schon vorhandene Trassen seien nicht ausgelastet. Vermutet wird deshalb, dass es Russland bei allen neuen Pipeline-Projekten vor allem um geopolitische Ziele geht, nämlich darum, Alternativen für den Transport durch die Ukraine zu finden – auf Kiew müsste Moskau dann noch weniger Rücksichten nehmen. Genau deshalb haben Polen, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und die drei baltischen Staaten die EU-Kommission jüngst aufgefordert, auch die geplante Erweiterung von Nord Stream zu stoppen.

Doch selbst wenn es dazu nicht kommen sollte – die Schwierigkeiten bei der Erschließung neuer Exportrouten nach Europa sind nicht Gazproms einziges Problem. Förderung und Exporte des noch immer größten Erdgasproduzenten der Welt waren schon 2014 geschrumpft, der Gewinn brach laut Bloomberg Business News sogar um 86 Prozent ein. Der Londoner Energieexperte Lough spricht von einem "perfekten Sturm", der Gazprom getroffen habe. Dazu gehören die seit Mitte 2014 massiv gesunkenen Energiepreise, aber auch Veränderungen auf dem internationalen Gasmarkt: Der wachsende Handel mit Flüssigerdgas (LNG) etwa beeinträchtige Gazproms traditionelles Geschäftsmodell, das auf langfristigen Verträgen beruhe, so Lough. Westliche Sanktionen wiederum würden eigene Investitionen in die zukunftsträchtige LNG-Technologie beeinträchtigen.

Damit leidet auch Gazprom, das lange wie kein anderes russisches Unternehmen von engen Beziehungen zum Kreml profitiert hatte, unter der politischen Großwetterlage. Auf dem Höhepunkt im Mai 2008 erreichte der noch immer überwiegend in Staatsbesitz befindliche russische Energiekonzern einen Marktwert von 367 Milliarden Dollar – und war damit eines der teuersten Unternehmen der Welt. Das ist lange her, der Börsenwert beträgt nur noch einen Bruchteil.

Selbst wenn die Energiepreise wieder steigen, dürfte Gazprom als politischer Hebel des Kreml nicht wieder die alte Bedeutung erlangen. Die EU-Staaten haben ernsthaft begonnen, ihre Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren. Neue EU-Regeln etwa zur Entflechtung von Netz und Vertrieb untergraben zudem Gazproms Stellung. Selbst die Ukraine glaubt inzwischen dank Lieferungen aus der EU, dem Ende November verhängten Erdgas-Lieferstopp Russlands trotzen zu können. Und das vor einem Winter – vor Kurzem noch undenkbar.

Autor: Dietmar Ostermann