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11. Juli 2012 14:37 Uhr

Sex sells

Willenlose Lust: "Shades of Grey" erscheint auf Deutsch

Die öde Sexschmonzette "Shades of Grey" erobert die Bestsellerlisten in den USA, England – und Deutschland? BZ-Redakteurin Bettina Schulte appelliert: Seien Sie klüger und anspruchsvoller!

  1. Diese Trilogie bricht alle Rekorde. Foto: dpa

Leserinnen in Deutschland: Bitte seid klüger und anspruchsvoller, unverklemmter und phantasievoller als Eure Geschlechtsgenossinnen in den USA, in Kanada und Großbritannien – Ländern mit traditionell hohem Prüderiefaktor! Es kann nicht sein, dass die öde Sexschmonzette einer Engländerin in der Midlifekrise auch hierzulande ein Bestsellererfolg wird. Best? Mega: Sollten 15 Millionen verkaufte Exemplare der Trilogie "Shades of Grey" der sich inzwischen E. L. James nennenden Ex-Angestellten eines Londoner Fernsehsenders nicht genug sein? Es ist zu fürchten: nein. Der Münchner Goldmann Verlag, der die deutschen Rechte wahrscheinlich für sehr viel Geld erworben hat, ist mit einer 500.000er Anfangsauflage für den am Montag erschienen ersten Band "Geheimes Verlangen" gestartet.

Früher war so was ein billiger Groschenroman. Heute wird alles durch das Internet geadelt. Die Blitzkarriere der E. L. James ist dafür bezeichnend. Als "Snowqueen Icedragon" (huch, wie fantasyvoll) hat sie erste Proben ihrer – pardon – versauten (feuilletonistisch gesprochen: hedonistischen) Version des züchtig-anämischen Megasellers "Twilight" ins Netz gestellt. In einem kleinen australischen Verlag erschien das erste der drei Bücher (warum nur müssen es immer Trilogien sein; wahrscheinlich aus kapitalistisch verkaufsträchtigen Gründen) – und dann, plötzlich, hat sich die "virale Literatur" aus dem Netz heraus wie eine Seuche verbreitet.

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Der talentierte Mr. Grey

Nun stehen die einschlägigen Kultur- und Gesellschaftsbeobachter vor der Frage, wie ein unsagbar schlecht geschriebener Roman so viele Leser(innen) finden kann. Es muss – da die stilistische Betriebstemperatur schon auf den ersten Seiten weit unter Null fällt – am Inhalt liegen. "Pretty Woman" war damals ja auch so ein Riesending. Anastasia Steele, 21, eine angehende, erotisch und bildungsmäßig naive Studentin, ist ihre Wiedergängerin.

Aus dem romantischen Schneewittchen, dessen Prinz auf einem weißen Gaul dahergetrabt kam, ist zwanzig Jahre später allerdings eine devote "Sub" geworden, die sich von ihrem "Dom", der über einen kompletten Fahrzeugpark verfügt, züchtigen lässt. Bei dem so fabelhaften wie talentierten wie hinreißend gut aussehenden wie phantastisch reichen Mr. Grey würde das vermutlich jede tun. Vor dem Besuch der stilvollen Folterkammer im Loft des Helden ein Gläschen Moet – und auch die immer nach Duschgel und frisch gewaschener Unterwäsche duftende Sadomasowelt sieht schon ganz anders aus.

Bis es zur lustvoll schockierenden Offenbarung kommt, dass Ana (Nomen est Omen?) noch Jungfrau ist, auch nie masturbiert hat und Christian, der Megaselfseller ("Ich ficke hart") es weniger mit Blümchen als mit Gerte und Peitsche beim Sex hat, müssen hundert sich dahinschleppende Anbahnungsseiten überstanden werden: Der Mann ist mit 26 schon Multimillionär und, amüsiert lächelnd, stets Herr der Lage, ein Kontrollfreak, was sonst.

Das Mädchen geht schon beim ersten Treffen unfreiwillig freiwillig in die Knie: Stolpert über seine eigenen Füße in sein gigantisch tolles Büro hinein und schämt sich schämt sich schämt sich. So viel Erröten war nie. Und so viel dunkles Lodern im Blick, seinem Blick, auch nicht. Beherrschtes Lodern natürlich. Männliche Dominanz und weibliche Unterwerfung sind durch ein ausgeklügeltes Vertragswerk geregelt, das fast wie die erotische Variante des Fragenkatalogs von Scientology daherkommt. Sauberkeit ist oberstes Gebot. Regelmäßiges Essen, Training und ausreichend Schlaf müssen sein, der Alkoholkonsum ist einzuschränken.

Damit ist alles angerichtet für die rauschenden Orgasmen, in die Anastasia nicht zuletzt dank der bis in die Zehen reichenden Pornostarqualitäten ihres "Sir" ("Christian Greys Füße … wow … was haben nackte Füße nur an sich?") versinkt, immer der Ohnmacht nahe – oder dem Zerspringen ("Mein Körper bäumt sich auf und zerbirst in tausend Teile", 100 Seiten später: "Wieder zerberste ich in winzige Teile"). So geht das fort und fort: eine Leistungsschau zweier allseits orgasmusfähiger Sexmaschinen – man möchte die Höhepunkte, die der Dom seiner Sub verschafft, nicht zählen.

Mit sadomasochistischen Praktiken im klassischen Sinn – bei denen oft genug der weibliche Part der dominante ist – hat das Buch nur am Rande zu tun. Christian Greys Folterkammer ist kaum mehr als das schicke Design für das von der Autorin ins Endlose variierte Muster: "Bitte f … mich – ich halt’s nicht mehr aus". Richtig weh tut hier nichts – wund werden bestimmte Körperteile aus anderen Gründen. Ein Meister der erotischen Manipulation trifft auf eine gelehrige Schülerin über die er nach Belieben verfügen kann ("Du. Gehörst. Mir") – weil er ihr Begehren allzeit wecken und steuern kann.

Und davon träumen Millionen Frauen?

Und davon träumen nun Millionen Frauen? Dass sie, wie das Männer zu allen Zeiten so gern formuliert haben, mal richtig rangenommen werden? Hat der Feminismus versagt? Die Lust an der weiblichen Unterwerfung unter die Macht des Phallus unterdrückt – oder verschafft die Schottin Erika Leonard ihren Leserinnen einfach nur das ungefährliche Vergnügen, in einer vollkommen standardisierten Sprache über Sex zu sprechen, die dem standardisierten Warenangebot und dem Markenfetischismus des Kapitalismus entspricht? Anastasias Begehren richtet sich wie selbstverständlich auf einen Mann, der dem Klischee des erfolgreichen amerikanischen Unternehmers nicht besser entsprechen könnte – und der sie mit den entsprechenden Annehmlichkeiten der Luxusklasse versorgt – vom SUV über den Hubschrauberflug bis zum äußerst angenehmen Aufenthalt in der Businessclass. Das hat etwas Schamloses – so schamlos wie die Dauererregung der Protagonisten. E. L. James übrigens hat ihre Sexkrise mit dem Schreiben des Buches offenbar überwunden. Es ist ihrem Mann gewidmet: "Niall, dem Herrn und Meister meines Universums". Nun denn.

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Autor: Bettina Schulte