Wo nur die ganz Harten starten

Willi Germund

Von Willi Germund

Do, 23. August 2018

Ausland

Pakistan, das von Touristen lange gemieden wurde, freut sich über das wachsende Interesse von Bergsteigern am K2, dem zweithöchsten Gipfel der Welt.

Auf dem kleinen Tisch des Café Loafology in Pakistans Hauptstadt Islamabad liegt ein Päckchen Zigarettentabak. Andrzej Bargiel pafft genussvoll eine Selbstgedrehte und stöhnt. Die schwüle Sommerhitze macht dem Bergsteiger aus Polen zu schaffen, nachdem der 30-jährige Alpinist aus Zakopane sich 60 Tage lang an den steilen Hängen des 8611 Meter hohen K2 umgetan hat – dem nach dem Mount Everest zweithöchsten Berg der Welt. Am 22. Juli stürzte er sich gar als erster Mensch auf Skiern vom Gipfel des K2 herunter und erreichte nach sechs Stunden das Basislager. "Bei gutem Wetter wäre es vielleicht sogar in rund drei Stunden möglich", sagt Bargiel. Doch er steckte zwei Stunden im Nebel fest.

Polnische Bergsteiger haben sich im Himalaja, dem Karakorum und Hindukusch nicht umsonst den Ruf als besonders wagemutige Bergsteiger verdient. Polnische Alpinisten versuchten gar, den K2-Gipfel als Erste im Winter zu bezwingen, mussten sich aber angesichts der Stürme dort geschlagen geben.

Bargiel, der den K2 ohne Sauerstoff bestieg, musste im vergangenen Jahr seinen ersten Versuch noch aufgeben, die steilen Abhänge auf Skiern hinunterzudüsen. "Das Lawinenrisiko war zu groß", erzählt er in Islamabad. Videobilder, mit der Helmkamera aufgenommen, zeigen Bargiel, wie er nun im zweiten Anlauf einen steilen Hang seitlich abgleitet. Später wedelt er mit eleganten Schwüngen Richtung Basislager.

Laut Statistik stirbt einer von vier Bergsteigern, die den wegen seines unberechenbaren Wetters, gefährlicher Lawinen und des lebensgefährlichen Steinschlags berüchtigten "Berg des Todes" dicht an der pakistanischen Grenze zu China bezwingen wollen. "Die einfachsten Passagen am K2 entsprechen den schwierigsten am Mount Everest", sagt der 39-jährige John Stenderup in einem Restaurant in Islamabad. Er war einer von 58 Bergsteigern, die am 21. und 22. Juli dieses Jahres auf dem schmalen Gipfel des K2 standen.

Stenderup, ein hochgewachsener und muskulöser Kalifornier aus Monterrey, gehörte zu den acht Kunden des Unternehmens Madison Mountaineering, die gegen ein Entgelt von 60 000 Dollar pro Kopf mit Hilfe von elf aus Nepal eingeflogenen Sherpas, 250 Trägern und 60 Maultieren zum Gipfel gebracht wurden. Im vergangenen Jahr bezwang er mit Hilfe von Madison Mountaineering den Mount Everest und den benachbarten Lhotse in Nepal. Von den vier höchsten Bergen der Welt fehlt ihm nur noch der Kangchenjunga an der Grenze Nepals.

Nach seinen Motiven gefragt, das eigene Leben an einem Berg wie dem K2 aufs Spiel zu setzen, redet Stenderup über das Hochgefühl, das ihn nach langem und mühsamem Aufstieg erfüllt: "Das ist anders als beim Fallschirmspringen. K2 oder Mount Everest bringen nicht den plötzlichen Rush, sondern ein langsam ansteigendes Hoch."

Garrett Madison, der 39-jährige Besitzer von Madison Mountaineering, sieht die Motive von vielen seiner begüterten Klienten nüchterner: "Die meisten wollen anschließend zu Hause glänzen." Die Besteigung von Achttausendern gehört für den Mann aus Seattle fast zum Alltag. Bevor er mit seinen Kunden im Juli den K2 bezwang, war er mit einer anderen Gruppe auf dem Mount Everest.

Die Klettersaison der beiden Berggiganten liegt günstig für Madison in aufeinanderfolgenden Monaten. Pakistan, das von internationalen Touristen seit den Terroranschlägen in New York im Jahr 2001 weitgehend gemieden wird, freut sich über das wieder erwachende Interesse an der gigantischen Bergwelt im Norden des Landes. Selbst der 8126 Meter hohe Nanga Parbat lockt wieder Bergsteiger und Wanderer an. Im Jahr 2013 töteten 16 islamistische Extremisten in seinem Basislager elf ausländische Bergsteiger und einen lokalen Führer.

Madison ist aber überzeugt, dass der K2 nie den Bergsteigerzirkus erleben wird, der alljährlich am Mount Everest mit Hunderten von zahlenden Gipfelstürmern ausbricht. Klettergenehmigungen brauchen in Pakistan mit drei bis vier Monaten viel länger als in Nepal für den Everest. Selbst der Geheimdienst ISI kommt ins Spiel und prüft die Visa-Anträge der Bergsteiger. "Manchmal kommt das grüne Licht erst zwei bis drei Tage vor dem Start", erzählt der Bergtouren-Organisator Madison. "Versuchen sie einmal, unter solchen Umständen eine Expedition zu planen."