Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

25. Februar 2016 17:45 Uhr

Gericht

Mordprozess Neuenburg: "Ich wollte ihn nur erlösen"

Der Mordprozess um zwei junge Männer aus Neuenburg wird immer verworrener und beklemmender. Jetzt hat einer der Angeklagten ausgesagt: Er habe das bereits schwer verletzte Opfer aus Mitleid getötet.

  1. Die Spurensuche im Neuenburger Mordfall am 29. Dezember 2014 wurde durch Schnee behindert. Foto: Julia Jacob

Zwei junge Männer sitzen, des grausamen Mordes an einem 21-Jährigen in Neuenburg angeklagt, vor ihren Richtern der Großen Jugendkammer des Landgerichts in Freiburg. Am Montag hat der 21-jährige Angeklagte seinen 23-jährigen Mitangeklagten der Tatausführung beschuldigt, die BZ berichtete. Am Mittwoch wiederum hat der 23-Jährige den 21-Jährigen schwer belastet. Der habe in jener schneekalten Winternacht zum 29. Dezember 2014 zuerst und völlig unerwartet dem 21-jährigen Opfer von hinten in den Kopf geschossen.

Doch der 23-Jährige sagt noch mehr. Er belastet sich selbst der Tötung, allerdings nicht im Sinne der Mordanklage. Er erklärt, dass er dem von dem Mitangeklagten bereits schwer verletzten Freund den Gnadentod gewährt habe. Er verwendet nicht das Wort "Gnadentod", aber er meint wohl genau das, als er seine Verteidigerin vortragen lässt: Der erste Schuss müsse bereits tödlich gewesen sein. Schwere Schmerzen habe sein Freund gehabt und erbärmlich nach seiner Mutter geschrien. Da habe er ihn schnellstmöglich erlösen wollen. Er habe deshalb einen Schuss aus nächster Nähe auf dessen Kopf abgegeben. Doch der Schlitten der Waffe habe geklemmt. Da habe er sich panisch umgeschaut, einen Holzpfahl aus der Erde gezogen und damit wie ein Berserker auf den Freund eingeschlagen: "Ich wollte ihn nur noch erlösen." Er habe noch einen zweiten Pfahl holen müssen, weil der erste abgebrochen sei.

Werbung


Auf Freund eingeschlagen

Soweit die von der Verteidigerin zum unmittelbaren Tatgeschehen verlesene Aussage. Sie stammt bereits vom November 2015, als der 23-Jährige sie der Polizei übergab und weitere Fragen beantwortete. Seither werden seinen Angaben zu den Geschehnissen vor der Tat und danach im Auftrag der Staatsanwaltschaft von der Polizei nachermittelt. Es wurden sogar, rund ein Jahr nach der Tat, sogenannte Mantrailerhunde eingesetzt, die Witterung aufnahmen und Wege der heutigen Angeklagten am und um den Tatort herum erschnupperten, die sie gegangen sein könnten.

Das Wort der Kronzeugenregelung fällt, als der 23-Jährige die Frage des Gerichts beantwortet, warum er im November 2015 sein Schweigen gebrochen und seinen früheren Freund und jetzigen Mitangeklagten so schwer belastet habe.

Und noch einen Grund nennt er: Er wolle, dass die Mutter des Opfers erfahre, was in jener Nacht wirklich passiert sei. Die sitzt ihm als Nebenklägerin mit einer Anwältin gegenüber. Sprachlos und in sich zusammengesunken hört sie zu, wischt sich ab und zu ein paar Tränen aus den Augen. Was hier verhandelt wird, ist das Sterben ihres 21 Jahre alt gewordenen Sohnes in allen grausamen Einzelheiten.

Verletzter schrie nach seiner Mutter

Nach der Verlesung seiner Aussage beantwortet der 23-Jährige Fragen der Prozessbeteiligten. Noch einmal schildert er das lange Sterben seines Freundes, den er seit fünf Jahren gut kannte. Und diesmal fügt er hinzu: Als der Schwerverletzte nach seiner Mutter geschrien habe, "da ist meine Sicherung komplett durchgebrannt".

Aussage steht gegen Aussage. Der 21-jährige Angeklagte will in jener Nacht gar nichts getan und schocksteif dem unerklärlichen Wüten des 23-Jährigen zugesehen haben. Der 23-Jährige wiederum will nach dem ersten Schuss des Mitangeklagten so geschockt gewesen sein, dass er erst nach dessen zweitem Schuss, bei dem die Waffe nicht funktioniert habe, reagiert und ihm die Waffe aus der Hand gewunden habe.

Die Richter der Großen Jugendkammer haben einen Fall aufzuklären, der sich in zahlreiche ungewöhnliche Details aufzufächern scheint. Da ist der 21-jährige Angeklagte, ein leidenschaftlicher Rapper, der in den Wochen vor der Tat nach einer scharfen Waffe gesucht haben soll. Auch soll er erzählt haben, dass er einen Rapper aus Berlin, von dem er sich betrogen fühlte, umbringen wollte.

Von einem Video ist die Rede, in dem der Tod dieses Rappers zelebriert werden sollte. Brauchte er dazu eine echte Leiche? Von Tschechen ist die Rede, die den Mord begehen sollten. Welchen? Ein tschechisch-französisches Wörterbuch, am Tatort in Neuenburg gefunden, gibt Rätsel auf.

Hatten die drei in der Tatnacht einen Einbruch geplant, bei dem 10 000 Euro erbeutetet werden sollten? Der 21-Jährige verneint das, der 23-Jährige behauptet das. Am 2. März wird weiterverhandelt.

Mehr zum Thema:

Autor: Peter Sliwka