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09. Juni 2017

Spiel mir das Lied vom Tod

Jess Jochimsen erfindet im Roman "Abschlussball" einen lebensfremden Beerdigungstrompeter.

  1. Jess Jochimsens neuer Roman beschäftigt sich mit den letzten Dingen. Foto: DPA/Wolfgang Grabherr

  2. Jess Jochimsen Foto: Wolfgang Grabherr

Marten ist ein sonderbarer Junge. Man könnte ihn Lebensverweigerer nennen. Gleichmütig, langsam, schweigsam. Schon in jungen Jahren hat er das Gefühl, vorschnell zu altern. In seiner Freizeit geht er nicht wie seine Altersgenossen auf den Sportplatz, sondern schläft tagelang. Früh wird bei ihm Arthritis diagnostiziert. Kurz vor seinem 14. Geburtstag erkrankt sein Vater an Krebs, seine Mutter stirbt bei einer Wanderung im Fichtelgebirge. Der Vater lebt, aber vegetiert auf dem Fernsehsessel vor sich hin. Zurück bleiben Marten, seine Schwester und eine Trompete – die letzte Erinnerung an seine Mutter. Und er beginnt zu spielen.

Nach der Schule heißt es: Arbeiten gehen. Die Ausbildung zum Bibliothekar in Staatsdiensten passt wie angegossen: "Verbeamtung ja, Aufstiegsmöglichkeiten nein, Kontakt mit Menschen minimal." Marten mag sein einsames, aber geregeltes Leben. Er bemerkt, dass alles nach Systemen funktioniert: Arbeit, Haushalt, Alltag – und die Musik. Wer Notensysteme kennt, kann improvisieren.

Als sich ihm die Chance bietet, Beerdigungstrompeter zu werden, zögert er nicht lange. Der Münchner Nordfriedhof unterscheidet sich wenig von seinem bisherigen Arbeitsplatz. Ruhig, kaum Kontakt zu Menschen – jedenfalls zu lebendigen. Bis der stille Musiker am Grab eines ehemaligen Mitschülers steht und sich dem Leben nicht länger entziehen kann. Der achte Roman des in Freiburg lebenden Autors und Kabarettisten Jess Jochimsens handelt vom Abenteuer an einem Ort, an dem es kein Abenteuer geben sollte. Ein Ort, an dem es laut wird, obwohl Stille herrschen sollte. Er geht das Thema Tod ironisch an, aber niemals zynisch. Eine beharrliche Gerührtheit durchzieht den Roman, der vor intertextuellen Bezügen strotzt ("Sollte der junge Werther ruhig leiden und sich umbringen, ich musste es ja nicht tun"). Jochimsen stattet seinen Protagonisten mit einer fast schmerzhaften sprachlichen Gefühlsarmut aus – so schläft dieser mit drei Mädchen, weil er das für "angemessen" hält – und lässt den Leser dennoch Martens nicht in Worte zu fassenden Lebensdrang spüren. Seine Sprache ist die Musik, sein Ventil die Trompete.

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Marten mag seine Arbeit, aber hasst es, Lieder von Helene Fischer als Abschiedsmelodie zu spielen. Verständlich, denn wer sich zur letzten Ruhe die Zeile "Atemlos durch die Nacht" wünscht, muss schon einen besonderen Sinn für schwarzen Humor haben...

Es sei die Faszination für Beerdigungen, die ihn zu der Geschichte animiert habe und die Tatsache, dass es sich auch bei der Musik am Grab um eine Dienstleistung handle, sagte Jochimsen im Bayrischen Rundfunk. Und tatsächlich gibt es, wie der Autor weiter ausführt, eine Liste der beliebtesten Trauerhits, herausgegeben vom Portal http://www.bestattungen.de Und man ahnt es schon: Helene Fischer ist 2016 in den Top 10 zu finden – neben Klassikern wie "Time to say Goodbye" und "My Way". Der Volksmusiker Andreas Gabalier ist zur Zeit auf Platz eins.

"Abschlussball" ist eine Geschichte über letzte Lieder, letzte Ruhe und die ersten improvisierten Tage im wahrhaftigen Leben eines jungen Mannes. Auch wenn der Plot gegen Ende zunehmend konstruiert wirkt, macht der Text eines erlebbar: Der Tod braucht Musik – und dieser Roman trifft dabei den richtigen Ton.

Jess Jochimsen: Abschlussball. Roman. dtv, München 2017, 312 Seiten, 20 Euro. Lesung in der Reihe "Unter Sternen" am 4. August, 20 Uhr in Freiburgs Spechtpassage.

Autor: Constantin Hegel